„Begreifbares Wohnen“

Möbel für blinde Menschen zu machen ist eine gewisse Herausforderung. Rita Katzmaier, die in 6. Generation einen Tischlereibetrieb im Mühlviertel führt, wurde durch Zufall damit konfrontiert und hat heute viel Freude daran, passende Lösungen für alle ihre Kunden zu entwickeln. Für Nichtsehende fertigt sie statt einem 3-D-Plan kleine Modelle zum Angreifen.

Eine Wohnung einzurichten, ist mit vielen Entscheidungen verbunden – für Blinde eine noch größere Herausforderung als für Sehende. „Es war Zufall, dass ein blindes Paar bei meinem Vater wegen Möbel angefragt hat. Unser erster Versuch, den Plan auf einem dicken Karton einzugravieren, schlug aber komplett fehl.

Dann entstand die Idee, ein Modell anzufertigen“, schildert Rita Katz- maier, die in 6. Generation eine Tischlerei in Reichenthal im Mühlviertel führt. Die Absolventin der HTL für Innenausbau und Möbelbau in Hallstatt ist zwar keine Tischlermeisterin, aber dafür für Komplettlösungen – von der Organisation vom Installateur über den Elektriker, Maler bis hin zum Bodenleger – bekannt, wenn es um einen Umbau geht. Für Sehende wird von den Möbeln auf dem Computer ein 3-D-Plan gezeichnet, für Blinde ein Modell im Maßstab 1:10 gebastelt. Überzeugen davon können sie sich am Freitag, dem 11. Oktober, bei einem Aktionstag von 10 bis 17 Uhr beim Blinden- und Sehbehindertenverband in der Linzer Makartstraße 11.

Mit viel Liebe zum Detail

© Katzmaier

„Ich verwende dabei die Holzarten und Stoffe, die ich einsetzen möchte. Da muss der Vorhang schon wehen und das Bild an der richtigen Stelle sein“, schildert Katzmaier ihre Liebe zum Detail. Die Mühlviertlerin bekommt sogar Anfragen aus Vorarlberg, ist aber nur im Donauraum bis Wien tätig. „Für mich ist klar, dass auch blinde Menschen auf eine ansprechende Optik achten. Schließlich bekommen sie sehende Gäste oder haben sehende Kinder“, so die Tischlerei-Chefin: „Beim Innenleben der Schränke achte ich auf mehr Fächer, damit die Nichtsehenden ihre Sachen leichter finden, auf Kleiderlifte, damit sie nicht auf ein Stockerl steigen müssen, und bei der Küche ist mir ganz wichtig, dass es keine gefährlichen Ecken gibt, wo man sich verletzen könnte.“

Gerade in der Küche stößt die versierte Planerin aber immer wieder an ihre Grenzen: „Einen Herd zu finden, der für Blinde gut zu bedienen ist, ist extrem schwierig, alles geht Richtung Touchscreen, mit dem sie nicht viel anfangen können. Die Schalter, die noch ein Geräusch machen, sodass man hört, welche Stufe eingestellt ist, sterben aus.“ Ihr Appell an die Elektroindustrie, dem Rechnung zu tragen, zumal es immer mehr ältere Menschen gibt, die mit den modernen Geräten Probleme haben, hat bislang noch kein Gehör gefunden.

© Katzmaier

Während der vergangenen 20 Jahre hat sie mit ihrem 15-köpfigen Team viel Erfahrung im Umgang mit Blinden gesammelt und u. a. Ideen entwickelt, wie man ihnen Farben erklären kann. „War jemand zuvor sehend, kann er sich unter einer Frühlings- oder Herbstwiese etwas vorstellen, ist das nicht der Fall, braucht es Phantasie. Zum Beispiel vergleiche ich die Farbe Rot mit Rotwein. Ein Nussholz kommt der Milchschokolade gleich, Birke und Ahorn einem Vanilleeis“, erzählt sie.

Damit auch bei der Montage alles einfühlsam klappt, war das ganze Team einmal beim „Dialog im Dunkeln“ in Wien, bei dem Sehende in die Welt der Blinden eintauchen. „Für mich war die erste Begegnung mit blinden Kunden ein Glücksgriff, der mich persönlich sehr bereichert. Ich würde mir aber wünschen, dass Schüler der Berufsschule einmal mit blinden Menschen in Kontakt kommen, um zu lernen, wie man sich ihnen gegenüber in einem Kundengespräch verhält“, so Katzmaier.

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