„Bei Harri Pinter … da stehe ich Gewehr bei Fuß“

Jürgen Maurer ermittelt in „Vienna Blood“ und könnte sich erneut für eine „Stadtkomödie“ erwärmen

Von 1997 bis 2012 war Jürgen Maurer Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters.
Von 1997 bis 2012 war Jürgen Maurer Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters. © APA/Hochmuth

Der österreichische Schauspieler Jürgen Maurer ist sowohl im heimischen als auch im deutschen Fernsehen häufig zu sehen. Mit der Serie „Vienna Blood“ schaffte er auch international Top-Quoten. Heute (ORF 2, 20.15 Uhr) ist der erste Teil zu sehen, Sonntag und Montag folgen zwei brandneue Folgen mit dem gebürtigen Klagenfurter in der Hauptrolle.

VOLKSBLATT: „Neben der Spur“, „Spuren des Bösen“, „Vienna Blood“ — das Kommissar-Sein liegt Ihnen. Mögen Sie es, Polizist zu sein?

JÜRGEN MAURER: Das hat weniger mit einer Vorliebe zu tun, als mit den Produktionsgepflogenheiten im deutschsprachigen Fernsehen. Es wird bei uns sehr viel Crime produziert und da gibt es dann die bösen Buben oder die Polizisten. Ich spiele beides und beides gerne.

Wenn Sie Regie führen würden, als was oder wen würden Sie sich besetzen?

Das ist eine gute Frage, das ist immer abhängig vom Stoff. Was immer der Inhalt einer Geschichte ist, wenn sie gut ist, dann würde es mich interessieren. Unlängst habe ich „Unorthodox“, die großartige Serie von Maria Schrader, gesehen. Da sitze ich dann davor und denke „Wow“. Da würde ich gerne mitspielen. Aber ich bin sehr glücklich mit den Aufgaben, die mir anvertraut werden. Da noch irgendwelche Wünsche zu äußern, wäre irgendwie vermessen.

Wie ist es Ihnen beim englischsprachigen Dreh für „Vienna Blood“gegangen?

Ich hatte Riesenglück. Die englische Produktion meinte nach unserem ersten Gespräch, mit ein bisschen Arbeit würde das Englisch, so wie ich es spreche, für die englischen Ohren so verständlich und so in Ordnung sein, dass sie mich als Benchmark nehmen würden. Was mir eine Riesenlast von den Schultern genommen hat, weil, wenn die anderen schauen müssen, dass sie so sprechen wie ich … Das war auch ein psychologischer Trick. Aber er hat auch funktioniert. Ich habe dann relativ entspannt drauf los parliert auf Englisch.

Haben Sie mit dem Erfolg von „Vienna Blood“ in Großbritannien gerechnet?

Man kann international mit überhaupt nichts rechnen. An der Aufregung, mit der die englischen Freunde uns das kommuniziert haben, habe ich gesehen, wie großartig das ist. Mein Kameramann von „SOKO Donau“ hat mich irgendwann mal aus Las Vegas angerufen und gesagt: „Hey man, I’m watching you on TV right now.“ Da habe ich mir gedacht: „Wow, David sieht mich in Las Vegas im Fernsehen durchs Bild hupfen!“. Da wird einem die Internationalität dann schon plötzlich bewusst: Dann sieht man das jetzt nicht nur in Gramatneusiedl, sondern überall auf der Welt. Das ist wie bei den Streamingplattformen, da ist man ja auch weltweit immer abrufbar. Aber da stellt sich dann auch kein dringender Weltruhmverdacht ein, man kriegt keinen Koller, oder flippt aus.

Also Hollywood hat sich noch nicht gemeldet?

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Ich freue mich über jedes Angebot, aber ich freue mich immer am meisten über guten Stoff, ein gutes Buch. Wo das herkommt, ist relativ sekundär. Aber weder Sam Mendes, noch Quentin Tarantino noch James Cameron haben angerufen.

Eines Ihrer anderen Projekte, die „Vorstadtweiber“, geht Richtung Finale. Sind Sie traurig, dass es bald vorbei ist?

Ich finde, es ist ein sehr schöner Kreis, der sich da jetzt schließt. Wir haben sechs Staffeln gemacht und viel erlebt. Schorschi Schneider, wo ich das riesengroße Vergnügen habe, den zu spielen, der hat noch mehr erlebt und der erlebt in den letzten beiden Staffeln jede Menge wilder Sachen. Und dann auf zu neuen Ufern.

Ein Ableger der männlichen Figuren, à la „Vorstadthaberer“ würde Sie nicht reizen?

(lacht) Ein Spin-Off „Schorschi and the boys“ — ein interessanter Gedanke. Der ist mir noch nie, noch nicht einmal ansatzweise, durch den Kopf gegangen. Aber das ist ein lustiger Ansatz, wie der „Stockinger“ früher.

In der „Stadtkomödie“ aus Klagenfurt haben Sie ja mit Harri Pinter auch eine richtige Kultfigur geschaffen. Haben Sie Lust, wieder einmal im heimatlichen Dialekt und auf heimatlichem Boden zu drehen?

Das war mit die größte Hetz, die ich je in meinem Leben gehabt habe in der Arbeit! Das ist das Ureigenste! Einen Mann zu spielen, der in den 80ern steckengeblieben ist geistig, in der Gegend, in der man geboren und aufgewachsen ist … das kommt von ganz weit unten und innen. Das war eine Riesenhetz. Den Harri Pinter … wenn der Klaus Graf (Produzent, Anm.) sagt „Wir lassen den noch einmal von der Leine!“ — dann stehe ich Gewehr bei Fuß!

2012 haben Sie das Wiener Burgtheater verlassen, das Sie inzwischen vermissen. Wurde Ihr Ruf schon erhört?

Jetzt hätte ich gar keine Zeit, aber noch gibt es keine konkreten Angebote, keine Anrufe von Intendanten.

Wie haben Sie denn beruflich und privat die Corona-Pandemie bisher erlebt?

Mir geht es auf einem ganz anderen Niveau schlecht damit, als anderen Kollegen, die ohnehin in prekären Verhältnissen arbeiten und leben, weil die völlig abgeschnitten sind von jeglichem Einkommen. Ich habe den Lockdown überdauert und habe in dem Moment angefangen zu drehen, als es wieder ging und drehe jetzt bis Mitte Dezember, wenn es wahr ist. Damit bin ich wirtschaftlich für dieses Jahr aus dem Schneider. Das Problem ist woanders. Über die Systemrelevanz von Kultur zu sprechen, ist meiner Ansicht nach wirklich grenzwertig. Erich Mühsam hat irgendwann einmal vor hundert Jahren gesagt „Wer Kultur abbaut, bereitet Kriege vor“. Das ist schon ein sehr relevantes Zitat. Man muss schauen, dass man hier nicht eine Art von geistiger Beschaffenheit einer Gesellschaft nachhaltig beschädigt, indem man sie ihrer kulturellen Vielfalt beraubt.

Sehen Sie die Kulturbranche in Gefahr? Was wird „danach“ sein? Wird es noch Theater, Kinos … geben?

Ich glaube nicht, dass die Institutionen verschwinden werden. Die umsichtigen Kulturschaffenden, die es ja überall gibt, die versuchen ja ihren Betrieb bei voller Leistung aufrecht zu erhalten, bei einer unglaublich verminderten Zuschauerzahl. Die Theater funktionieren im Kern und produzieren — was wichtig ist, damit zum gegebenen Zeitpunkt, wenn diese Pandemie bewältigt sein wird, die Leute wieder ins Theater gehen können und das kulturelle Programm wieder da ist. Aber das Problem ist wie in der Wirtschaft: Dinge, die zerstört werden — manche davon kann man einfach nicht mehr revitalisieren.

Interview: Mariella Moshammer

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