Beim donaufestival schmerzte die Welt und sang eine Wölfin

Ihre Trauer war eingangs nur ein diffuses Gefühl: Die drei Performer von Ula Sickles „The Sadness“, Freitagabend Teil der Eröffnung des diesjährigen donaufestivals in Krems, brauchten ein paar Momente, bis sich aus scheinbarer Lethargie ein melancholisch anmutender Schmerz über die Gegenwart herausschälte. Seinen Ausdruck fand er in zeitgenössischen Rapsongs. Und Schmerz passte auch zu Soap&Skin, selbst wenn Anja Plaschg ihrer sonnigeren Seite als singende Wölfin nachspürte.

Das Ende der Welt, es war in „The Sadness“ längst Gewissheit: Auf einem kreisrund aufgeschütteten Haufen Erde lagen Sidney Barnes, Ashley Morgan und Amber Vanluffelen, den Morgen nicht herbeisehnend, das Gestern schon abgehakt. Während sich das idyllisch wirkende Vogelgezwitscher sukzessive zurückzog, traten an dessen Stelle kantige Beats, verfremdete Stimmen und gebrochene Rhythmen. Ein Rapsong nach dem anderen deklinierte die Ausweglosigkeit der eigenen Existenz, zu der sich die drei drehten, tanzten, windeten.

In dieser Mischung aus Konzert und Tanzdarbietung brannte die Welt, aber ohne großen Aufschrei. Stattdessen war es ein Gefühl von Taubheit, das vorherrschte und in dem sich die drei Performer nahe waren. Hier wurde eine schwer zu bestimmende, alles durchdringende Furcht artikuliert, die sich auf so viele Dinge der heutigen Gesellschaft bezog – den unbarmherzig voranschreitenden Klimawandel ebenso wie die zermürbenden Anforderungen der Berufswelt. Was blieb, war die tröstende Erkenntnis, dass wir selbst in den dunkelsten Stunden nicht alleine sind mit unseren Gedanken und Sorgen.

All das ließe sich auf ein typisches Konzert von Soap&Skin wohl auch umlegen. Die große österreichische Sängerin ist bekannt für höchst emotionale, meist in dunklen Farben schillernde Songs. Für das donaufestival hat sie allerdings ein Set rein aus Coverversionen zusammengestellt. Dass dabei die erste Hälfte des Konzerts knapp am Kitsch vorbeischrammte, hätte man wohl nicht erwartet. Nina Simones „Stars“ oder Sufjan Stevens‚ „Mystery of Love“ waren, dargeboten am Klavier und unterstützt von Streichern sowie Bläsern, kleine Perlen des Wohlklangs, die vom Publikum heftig akklamiert wurden und Plaschg immer wieder ein Grinsen ins Gesicht zauberten.

Nun mag es an der gelernten Erwartungshaltung liegen, aber wirklich groß wurde es erst im zweiten Abschnitt, als sich bei „Gods & Monsters“ von Lana Del Rey oder der hinlänglich bekannten Version von Robert Johnsons „Me and the Devil“ doch noch Wut, Intensität und Kraft durchsetzten. Immer wieder suchte Plaschg, nur ihr Mikrofon fest umklammernd, dabei den Bühnenrand, sang und tanzte mit geschlossenen Augen und war ganz in ihrem Element. „In Sheep‘s Clothing“ war der Auftritt übertitelt, und ja: Diese Wölfin hat uns im Schafspelz eine neue Facette ihres Könnens gezeigt. Aber am besten ist sie doch immer noch, wenn sie die Zähne fletscht.

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Wie lohnend Lärm sein kann, bewies zuvor bereits Luke Younger alias Helm: Der britische Produzent, der im Vorjahr sein neues Album „Axis“ vorgelegt hatte, ließ im Zeitlupentempo mächtige Brocken industriellen Krachs aufeinanderprallen, stets mit dem Gespür für notwendige Dynamik und erhellende Momente. Seine neuen Songs seien eine Rückkehr zum Ursprung, meinte er vor dem Auftritt im APA-Interview. „Hinsichtlich der Sounds und des Equipments fühlt es sich primitiver an als zuletzt. Das Album ist sehr schnell entstanden. So war es auch, als ich mit der Musik begonnen habe. Ich habe mir da nicht viel Zeit genommen, die Dinge sind einfach an ihren Platz gefallen.“

Mehr Arbeit war es hingegen, nach Monaten der pandemiebedingten Bühnenabstinenz wieder ein Gefühl für Liveauftritte zu bekommen. „Mich daran zu erinnern, wie ich performt habe, war wirklich eine Hürde. Ich hatte ein bestimmtes Set-up, das wohl nur für mich Sinn ergibt. Es ist beinahe wie ein Muskelgedächtnis. Das dauerte einige Wochen, alles wieder an seinen Platz zu bekommen.“ Beim ersten Gig habe er „unglaublich schnell“ gespielt, grinste Younger. „Offenbar war ich etwas nervös. Aber jetzt ist wieder alles normal, es fühlt sich gut an.“

Mehr als gut war auch die Performance der aus Kenia stammenden MC Yallah, die vom französischen DJ Debmaster begleitet wurde: Pulsierende Beats, Wortkaskaden über Wortkaskaden, kaum Verschnaufpausen – hier passte alles zusammen und wurde das Publikum zur wogenden, tanzenden, feiernden Masse. Eher dem romantischen Gedanken hing hingegen Sängerin Tirzah nach, die für ihre zeitgenössischen Liebeslieder zwar bejubelt wurde, aber doch eine recht eindimensionale Darbietung ablieferte.

Die Minoritenkirche wurde zum Auftakt des Festivals, das mit einem kurzweiligen, eher an eine Intervention erinnernden Konzert von Fehler Kuti alias Julian Warner bei dessen Installation „The Kriegsspiel“ in der Kunsthalle Krems begonnen hatte, natürlich auch beschallt: Violinistin Galya Bisengalieva hat mit „Aralkum“ das Austrocknen des Aralsees vertont, was live kombiniert wurde mit weiteren Stücken und sehr effektvollen Visuals, die auf einen meterhohen, die Musikerin umschließenden Vorhang projiziert wurden. Zwischen Minimal Music und ambientlastiger Elektronik angesiedelt, ließ sich so über die scheinbar unaufhaltsame Zerstörung der Natur sinnieren. Der Schmerz war also auch hier präsent.

(S E R V I C E – )

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