Beisl-Tour als Graphic Novel: „Nachtgestalten“

Da haben sich offenbar zwei gefunden. Sie ziehen durch eine nächtliche Stadt, von Lokal zu Lokal und philosophieren über das Leben und die Liebe, Stadt und Land, die Weltgeschichte und das Weltall. Ganz am Ende, bei den Autoren-Biografien, sind die beiden „Nachtgestalten“ etwas detailfreudiger gezeichnet als bei ihrer vorangegangenen Beisl-Tour. Und man erkennt im langen Dünnen den Zeichner Nicolas Mahler und im kleineren Korpulenten den Autor Jaroslav Rudis.

Der österreichische Zeichner, der eben erst seine „Unkorrekte Biografie“ von Thomas Bernhard vorlegte, und der tschechische Schriftsteller, Drehbuchautor und Dramatiker, dessen Roman „Winterbergs letzte Reise“ 2019 für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert wurde, sind miteinander befreundet. Für ihr erstes gemeinsames Projekt hat Rudis eine ältere kleine Erzählung rund um zwei durch das nächtliche Prag treibende Freunde zunächst mit neuen Geschichten angereichert – um diese dann wieder von Mahler verknappen zu lassen.

Herausgekommen ist ein langer, lakonischer Dialog in Schwarz, Weiß und einem matten Blauton, aus dem der Vollmond und das Licht der letzten noch offenen Lokale hell herausleuchten. Immer wieder landen die beiden Freunde auf ein letztes Bier in einem Lokal, werden zur Sperrstunde hinauskomplimentiert, sehen zu, wie der Rollladen heruntergelassen wird, ziehen weiter – und finden doch noch eine offene Bar, Gastwirtschaft oder zumindest einen Kiosk, wo ihnen das Bier auf die Theke geknallt wird.

Dabei geht es, wie meist in solchen Stunden der vollkommenen Zeit- und Gedankenfreiheit, um alles oder nichts. Sie bekommen Begleitung von einem Wisent („Die glücklichsten Tiere auf der Erde… Die wissen, wie das Leben läuft.“), erinnern sich an eine Mont-Blanc-Tour in „Sommerlatschen“ („Den Rettungshubschrauber hab ich fünf Jahre lang abzahlen müssen.“), besprechen die Schlacht von Austerlitz und das Bekämpfen von Außerirdischen durch Kuchenessen. Dabei sind die nächtlichen Umrisse der Stadt Prag immer präsent, wirken die Schatten der NS-Zeit weiter und hinterlässt auch der brave Soldat Schwejk seine Spuren. „Nachtgestalten“ wirkt überhaupt so, als zögen Jaroslav Hasek und Samuel Beckett gemeinsam durch die Nacht.

So nimmt man von diesem schrägen, vergnüglichen Buch zumindest zwei Erkenntnisse mit: Ein letztes Bier geht immer noch. Und wenn auch das aus sein sollte, wenn also schon alles egal ist, bleibt einem wenigstens noch ein letzter Spruch: „Darauf pinkeln die Eulen.“

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(S E R V I C E – Jaroslav Rudiš und Nicolas Mahler: „Nachtgestalten“, Luchterhand, 144 Seiten, 18,50 Euro; Online-Buchpremiere am 15. März um 19.30 Uhr im Literaturhaus Stuttgart, Moderation: Andreas Platthaus, )

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