Belastete Grazer Straßennamen Thema beim steirischen herbst

Die seit Jahren schwelende Debatte um eine mögliche Umbenennung historisch belasteter Straßennamen in Graz war am Dienstag Thema beim diesjährigen steirischen herbst. Ein mit Vertreterinnen und Vertretern aus Wissenschaft und Politik besetztes Podium diskutierte mit dem Publikum auf kontroversiellen, aber durchwegs gepflegtem Niveau.

Dem erklärten Anspruch des heurigen, von Intendantin Ekaterina Degot und David Riff konzipierten “herbst”, die aktuelle politische Situation in Graz und gesellschaftliche Aspekte in den kulturellen Kontext zustellen, wurde der Abend jedenfalls voll gerecht. Moderiert wurde die Diskussion im Hotel Wiesler vom Sozialhistoriker Joachim Hainzl, der für seinen erkrankten Kollegen Heimo Halbrainer einspringen musste.

Zwar gingen die Teilnehmer des Abends nach rund zweistündiger Diskussion ohne konkrete Zusagen seitens der Politik auseinander, jedoch konnte man viele interessante Details aus dem jahrelangen und bis heute anhaltenden Diskurs, insbesondere über das Schicksal der von einer 14-köpfigen Expertenkommission erarbeitete Liste von 20 “höchst problematischen” und rund 60 problematischen Grazer Straßennamen erfahren.

Die Grazer Stadtkoalition aus ÖVP und FPÖ hatte eventuellen Umbenennungen im Februar dieses Jahres vorerst einen Riegel vorgeschoben und sich gegen den Widerstand der anderen im Gemeinderat vertretenen Parteien auf die Anbringung von Zusatztafeln für alle Grazer Straßen geeinigt. Kritiker sehen darin eine teure Pseudo-Aktion, da dadurch unter anderem die mit Namen von seinerzeit hochaktiven NS-Mitgliedern versehenen Straßen erst wieder nicht als problematisch wahrgenommen würden.

Am Dienstag kamen interessante Vergleichsbeispiele zur Sprache, wie anderswo mit ähnlichen öffentlichen Debatten umgegangen wird und welche Resultate dies in bestimmten Fällen gebracht hat; etwa, dass in Oberösterreich sämtliche nach dem “Blut und Boden”-Dichter Ottokar Kernstock benannten Straßen und Plätze mittlerweile flächendeckend umbenannt wurden – und zwar mit Unterstützung der ÖVP. Der Wiener Historiker Florian Wenninger kritisierte bereits vorgenommene Umbenennungen in Münster und Wien als “von oben herab” verfügt – offenbar aus reinem politischen Kalkül im Hinblick auf die jeweils kommenden Wahlen. Bemerkenswert auch, dass im einen Fall (Hindenburgplatz) die CDU und im anderen (Dr.-Karl-Lueger-Ring) die SPÖ entschied.

Insbesondere die beiden Historiker auf dem Podium verwiesen auf verwandte Themen, wie die niedrige Frauenquote bei der Bezeichnung von öffentlichen Straßen und Plätzen. Diese liege in Graz derzeit lediglich bei drei Prozent. Die Komplexität des Themas wurde auch durch Verweise auf mögliche, integrationsfördernde Namensgebungen bei der Neubenennung von Straßen in frisch erschlossenen Wohngebieten, an Personen mit besonderen Migrantenschicksalen offenbar.

Aus dem Publikum bekam man teils scharfe, vor allem an ÖVP-Vertreter Peter Piffl-Percevic gerichtete Kritik am bisherigen (Nicht-)Entscheidungsverhalten seiner Partei im Zusammenhang mit Umbenennungen zu hören. Am Ende des Abends herrschte jedoch zumindest in einem Punkt weitgehende Einigkeit: Die Diskussion müsse weitergehen und mithilfe verschiedener Informationsmaßnahmen unter geeigneter Einbindung der Bevölkerung stattfinden.

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