Belgier stehen mit leeren Händen da

„Goldene Generation“ verpasste den Finaleinzug — An Frankreich die Zähne ausgebissen — Scharfe Kritik an Spielweise des Gegners

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Trostspender: Belgiens Eden Hazard mit den Franzosen Hugo Lloris und Olivier Giroud, Torhüter Thibaut Courtois mit seiner Tochter Adriana.
Trostspender: Belgiens Eden Hazard mit den Franzosen Hugo Lloris und Olivier Giroud, Torhüter Thibaut Courtois mit seiner Tochter Adriana. © AFP/Bouys

Von Roland Korntner

Der Titeltraum ist ausgeträumt, Belgiens „goldene Generation“ steht letztlich mit leeren Händen da. Schon wieder. Bei der Weltmeisterschaft vor vier Jahren in Brasilien war im Viertelfinale gegen Argentinien (0:1) Endstation gewesen, bei der EURO 2016 in Frankreich (1:3 gegen Wales) ebenfalls. In Russland ging es immerhin bis ins Halbfinale. Damit bleibt der einzige Finaleinzug Belgiens bei Welt- und Europameisterschaften jener bei den kontinentalen Titelkämpfen 1980, als Jean-Marie Pfaff, Jan Ceulemans und Co. Deutschland mit 1:2 unterlagen.

Ein erneutes Endspiel verhinderten die Franzosen, an deren Defensive sich die „Roten Teufel“ die Zähne ausbissen. „Eine Standardsituation hat den Unterschied ausgemacht. Es war ein enges Spiel, und es wurde durch das Quäntchen Glück vor dem Tor entschieden. Meine Spieler waren hervorragend, ich hätte nicht mehr erwarten können“, bilanzierte Coach Roberto Martinez.

Anfangselan unbelohnt

Dabei waren die Belgier verheißungsvoll gestartet, sie hatten in der Anfangsphase das Spiel gemacht und Chancen durch Eden Hazard (15., 19.) und Toby Alderweireld (22.) zur Führung vorgefunden. Doch mit Fortdauer wurden die Gelegenheiten immer seltener, lediglich Fellaini per Kopf (65.) und Axel Witsel (81.) per Gewaltschuss kamen nach der französischen Führung durch Umtiti (51.) in die Nähe des Ausgleichs. „Es sind die kleinen Details im Halbfinale einer WM, die entscheiden“, so Martinez gefasst.

„Das ist eine Schande für den Fußball“

Seine Spieler analysierten das Aus deutlich emotionaler, vor allem an der defensiven Spielweise des Nachbarn stieß man sich: „Es ist eine Schande für den Fußball, dass Frankreich dieses Spiel gewonnen hat“, schimpfte etwa Goalie Thibaut Courtois im belgischen TV. „Es ist einfach frustrierend, Frankreich hat nichts für das Spiel gemacht, sie haben mit elf Spielern vor dem eigenen Tor verteidigt.“ Schon gegen Uruguay hätte Frankreich, so Courtois, nur zweimal aufs Tor geschossen.

Sein Klubkollege von Chelsea, Eden Hazard, ergänzte: „Ich würde lieber mit diesem belgischen Team verlieren als mit diesem französischen gewinnen.“ Doch der Zweck heiligt bekanntlich die Mittel. Und klar ist auch. Wie schon beim 2:1 gegen Brasilien fielen die Belgier in Hälfte zwei zurück. Unterm Strich stand es zwar an Ballbesitz 60:40, an Schüssen aber 8:13 und Toren eben 0:1.

Bestes Ergebnis bei einer WM noch möglich

Was den „Roten Teufeln“ bleibt, ist die Chance, den vierten WM-Rang von 1986 zu überbieten. Damals waren die Belgier im Halbfinale am späteren Weltmeister Argentinien (0:2) sowie im Spiel um Platz drei an Frankreich (2:4 n.V.) gescheitert. Es bleibt abzuwarten, wie es Martinez gelingt, seine Schützlinge für diese Mission zu motivieren. „Es ist nicht einfach, dem Spiel um Platz drei in diesem Moment etwas Positives abzugewinnen, aber man hat nicht oft die Möglichkeit, WM-Dritter zu werden“, erklärte der Spanier.

Umbruch wartet

Auf den mit Blickrichtung EM 2020 wohl schon ein Umbau wartet. Spieler wie Thomas Vermaelen (32), Vincent Kompany (32), Jan Vertonghen (31), Dries Mertens (31) Mousa Dembele (wird am Montag 31) oder Marouane Fellaini (30) sind in die Jahre gekommen, bei der WM 2022 in Katar sind dann auch Hazard, Kevin de Bruyne oder Axel Witsel schon jenseits der 30. „Es rücken viele Talente im belgischen Fußball nach“, macht sich Martinez aber keine Sorgen.