Beliebte Nachbarn verabschieden sich

Am Sonntag läuft nach fast 35 Jahren die letzte „Lindenstraße“-Folge

Bild aus frühen „Lindenstraße“-Tagen (1986): Helga Beimer (Marie-Luise Marjan) mit ihrem Mann Hans (Joachim Hermann Luger) und den Kindern Marion (Ina Bleiweiß), Benny (Christian Kahrmann) und Klausi (Moritz A. Sachs).
Bild aus frühen „Lindenstraße“-Tagen (1986): Helga Beimer (Marie-Luise Marjan) mit ihrem Mann Hans (Joachim Hermann Luger) und den Kindern Marion (Ina Bleiweiß), Benny (Christian Kahrmann) und Klausi (Moritz A. Sachs). © APA/WDR/Fotoreport

Für Fans der „Lindenstraße“ war der Sonntagabend stets heilig: 18.50 Uhr saßen sie vor dem Fernseher — Woche für Woche, jahrelang. Am Sonntag läuft die letzte Folge der deutschen Kultserie in der ARD — nach fast 35 Jahren.

Die ARD hatte sich 2018 gegen eine Verlängerung des Produktionsvertrages entschieden: Die „Lindenstraße“ sei zwar eine TV-Ikone, doch das Zuschauerinteresse und die Sparzwänge seien nicht vereinbar mit den Produktionskosten.

Der Erfinder der „Lindenstraße“, Hans W. Geißendörfer, kann dies bis heute nicht nachvollziehen. „Ich habe nach wie vor totales Unverständnis für die Entscheidung, die mir willkürlich erscheint“, sagte er der dpa: „Das Ende der ,Lindenstraße’ erfüllt mich mit großer Trauer.“

Der Alltag von nebenan und Tabubrüche

Als die ARD am 8. Dezember 1985 die erste Folge zeigte, dachte wohl niemand, dass die „Lindenstraße“ eine der am längsten laufenden Serien im deutschen TV werden würde. In ihren Anfangszeiten, als es erst wenige Fernsehprogramme gab, waren die Ereignisse der jüngsten Folge am nächsten Tag Gesprächsthema — immerhin hatten am Vorabend durchschnittlich zwölf Millionen Menschen die Sendung eingeschaltet.

Von ihrer Grundidee her zeigte die „Lindenstraße“ den Alltag einer Nachbarschaft. „Wir wollten erzählen, was den Zuschauern passiert oder passieren könnte — Krankheit, Tod, Liebe, die großen Begriffe, die immer wieder zu ungeheuer großen Geschichten einladen“, sagt Geißendörfer. „Der normale Zuschauer sollte sich selbst in der Serie wiederfinden.“

Mit Tabubrüchen sorgte die „Lindenstraße“ in den ersten Jahren immer wieder für gesellschaftlichen Zündstoff. Der legendäre Skandalkuss zwischen Carsten Flöter (Georg Uecker) und Robert Engel (Martin Armknecht) etwa war ein Dammbruch im Fernsehen. Die „Lindenstraße“ war auch die erste deutsche TV-Serie, die Aids thematisierte und in der zwei Schwule heirateten.

Immer ganz nah am Puls der Zeit

Solche Coups gelangen später angesichts der vielen Reality-Formate im TV nur noch selten. Doch ihrem Anspruch, brisante Diskussionen aufzugreifen, blieb die „Lindenstraße“ treu. In der jüngeren Vergangenheit gab es längere Erzählstränge zu Themen wie Flüchtlinge, Rechtsextremismus, den Umgang mit Pädophilen oder die Legalisierung von Cannabis.

Dank eines einfachen Kniffs war die Serie zudem Woche für Woche ganz nah am Puls der Zeit: In den weit im voraus gedrehten Folgen blieb stets ein Platzhalter frei, der erst kurz vor der Ausstrahlung gefüllt wurde — mit einem Dialog zu einem nahezu tagesaktuellen Thema. Bei Wahlen wurden sogar die zeitgleich ermittelten Hochrechnungen eingeblendet und von „Lindenstraße“-Bewohnern kommentiert.

Wie die „Lindenstraße“ nach ihren fast 35 Jahren ausgehen wird, bleibt bis Sonntag eine Überraschung. Die 1758. und letzte Folge heißt „Auf Wiedersehen“. „Über das Ende haben wir uns lange die Köpfe zerbrochen“, sagt Produzentin Hana Geißendörfer, Tochter des Serienerfinders. Es sei dramaturgisch nicht leicht gewesen, alle Figuren so an einen Punkt zu bringen, dass sich die Zuschauer von ihnen verabschieden könnten.

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