Berliner Ensemble beginnt mit Testlauf für Kultur-Öffnung

Morgen, Freitag, startet das Berliner Ensemble (BE) mit einem Testlauf in der deutschen Hauptstadt, um die logistische Machbarkeit von Veranstaltungen in Verbindung mit Antigen-Tests zu prüfen. „Die Tickets waren innerhalb von vier Minuten ausverkauft“, sagte Intendant Oliver Reese am Donnerstag vor ausländischen Medien in Berlin. Unter den Käufern „sind viele, die noch nie im BE waren“.

Der bis zum 4. April laufende Pilotversuch erfolgt in Kooperation mit unterschiedlichen Einrichtungen: den Berliner Philharmonikern, dem Konzerthaus Berlin, der Berliner Clubcommission (einem Club), der Volksbühne, der Staatsoper Unter den Linden sowie der Deutschen Oper und der Tourismusorganisation der Stadt, visitBerlin.

Zu allen Veranstaltungen kann man sich nur im Vorverkauf anmelden, um Nachvollziehbarkeit der Wege zu garantieren. Außerdem sind alle Tickets mit einer Testung verbunden, die am BE im Einheitspreis von 20 Euro enthalten sind. An fünf kooperierenden Teststellen kann sich das Publikum von zwölf Stunden vor der Vorstellung bis zu deren Beginn nach Voranmeldung testen lassen. Beim Eintritt ins Theater werden Ticket, Testergebnis und Personalausweis kontrolliert. „Wir sind aufgefordert ein strenges Schachbrettmuster zu machen, wir verkaufen den halben Saal, 350 Karten“, sagte Reese. „Jeder zweite Sitz ist von uns versiegelt.“

Gezeigt wird „Panikherz“ von Benjamin von Stuckrad-Barre. Dies passe gut, weil das Stück persönliche Schwierigkeiten thematisiere, aber mit Hoffnung ausgehe und Udo Lindenberg als Trostfigur auftrete. „Ich glaube, dass die Menschen Corona-Stücke gar nicht sehen wollen und die Schnauze voll haben von Dystopie“, meinte Reese.

Er hoffe, dass der Pilotversuch zu einer echten Öffnung führe. „Wichtig ist, dass die Kultur wieder an den Start kommt. In Spanien, Polen, Luxemburg wird Theater, Oper gespielt“, so der BE-Intendant. „Ich würde mir wünschen, dass Deutschland eine genauere Regelung findet, denn die Schließung gemeinsam mit den Restaurants ist zu grob, zu undifferenziert, als dass Kultur in nächsten Wochen eine Chance bekommt.“

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„Wir haben Mitte März und haben keine Ahnung, was am 4. April passiert oder im Mai. Das geht so nicht, zumal wir in letzter Zeit erlebt haben, dass Politik mit Inzidenzzahlen politisch umgeht: Zuerst 50, dann 35, dann 100.“ Diese Zahlen seien eine „Mogelpackung“. Da könne keine Kultureinrichtung mithalten und kein Publikum sich verbindlich darauf einlassen. Er habe mit dem Direktor der Oper Madrid, Juan Matabosch, telefoniert, wo schon seit längerem vor Publikum gespielt werde. „Spanien ist ein Beleg dafür, und die Salzburger Festspiele waren ein Beleg dafür, dass das funktioniert. Das sind Fakten, die Oper von Madrid ist ja keine kleine Klitsche.“ Kultur habe einen Wert, sie trage zum psychischen und seelischen Wohlbefinden bei.

Das ist aber derzeit nicht einmal auf der Bühne vorhanden: Die Stimmung sei schlecht, sagt Reese. Dreimal in der Woche würden die im Haus Arbeitenden getestet. „Wir hatten bisher keinen einzigen Corona-Fall.“ Seit sechs Wochen werde nicht geprobt. „Für mich ist das Kulturunwort des Jahres: Premierenstau. Das klingt wie Harnstau.“ Es gebe sonst aber nur mehr Premieren und keine Vorstellungen, mit Schließtagen dazwischen. „Deshalb habe ich schon früh Premieren verschoben. Das bedeutet aber, dass weniger Regisseure beschäftigt sind, weniger Gastmusiker, weniger Kompositionsaufträge vergeben werden. Das ist ein Rattenschwanz. Diese Saison ist mehr als halbiert.“

Dennoch würden die Festangestellten ihre privilegierte Position erkennen und sich diszipliniert verhalten. Durch Kurzarbeit werde das BE für 2020 nicht in ein Defizit rutschen. „Wir sind wie die Schaubühne ein privates Theater, auch wenn wir Unterstützung erhalten. Das Deutsche Theater ist eine staatliche GmbH, das darf keine Kurzarbeit anmelden und wird ein hohes Defizit haben.“ Für 2021 könne Reese noch nichts sagen, aber: Die Prognose sieht sehr viel schlechter aus.

Reeses Appell geht an die Politik, wo die Kultur nicht recht gehört werde. „Wir sind hoch subventionierte Einrichtungen, dadurch drückt der Staat auch seine große Wertschätzung aus, das sollte in Öffnungsszenarien seinen Niederschlag finden.“ Es sei festzustellen, dass die Kulturminister in Deutschland kein sehr starkes Wort haben. Am Anfang sei die Kultur unter der gemeinsamen Überschrift „Freizeitangebote“ gelaufen, „gemeinsam mit Bordellen und Fitnessstudios. Das wurde rasch korrigiert. Die Bedingungen wurden aber beibehalten, es gab nur eine zweite Überschrift.“ Lobbyisten der Kultur seien zersplittert, die Bundesbeauftragte für Kultur „Frau Grütters ist ein wenig Herrin ohne eigenes Reich. Wir müssen schon festhalten, dass Kultur bisher eine untergeordnete Rolle in der Krise gespielt hat“, sagte der BE-Chef.

Auf die Frage der APA zum dieser Tage erfolgten Rücktritt seines Kollegen von der Volksbühne, Klaus Dörr, nach Vorwürfen sexueller Übergriffe, sagte Oliver Reese, derartiges sei „nicht Begleitmusik des Kulturbetriebs. Ich bin bestürzt, dass es die Anwürfe gegeben hat.“ Er selbst habe als eine der ersten Amtshandlungen am Berliner Ensemble eine unabhängige Beratungsstelle initiiert, ohne dass die Theaterleitung von dem erfährt, was dort besprochen werde. Auch mit einem Antirassismus-Workshop versuche man prophylaktisch zu handeln. „Deshalb bin ich bestürzt, wenn es so etwas gibt. Wichtig ist, dass man es gar nicht erst dazu kommen lässt.“ Es sei wesentlich, dass alle im Haus wüssten, dass Fälle von Machtmissbrauch konsequent verfolgt würden und man Vertrauen darauf haben könne.

Und wie geht es mit den Aufführungen weiter? Der Kulturbetrieb könne derzeit nicht sagen, ob zu Ostern geöffnet werde: „Ich sitze da, der Vorhang offen, ich weiß es nicht.“

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