„Berliner Mauer war große Leistung“

Ein paar Ewiggestrige feierten in Linz mit einem Ex-Bonzen die DDR

„Wir schaffen das!“: Hans Bauer mit geballter Kommunistenfaust vor der DDR-Fahne mit seinem Buch „Grenzdienst war Friedensdienst“ im Volkshaus Linz-Pichling.
„Wir schaffen das!“: Hans Bauer mit geballter Kommunistenfaust vor der DDR-Fahne mit seinem Buch „Grenzdienst war Friedensdienst“ im Volkshaus Linz-Pichling. © Maurer

Dienstagabend, Volkshaus Linz-Pichling. In Raum 5, gleich neben dem Büro der FPÖ-Ortsgruppe, steht eine Lenin-Büste auf dem Tisch. Daneben ein DDR-Wimpel, dahinter hängt eine DDR-Fahne, dazwischen Männer in T-Shirts mit Aufschriften wie „DDR-Elitetruppen“ oder „70 Jahre DDR“.

Michail Gorbatschow hätte es ihnen schon einmal gesagt: Wer zu spät kommt, den straft das Leben. Doch von dem halten die 30 Ewiggestrigen hier ohnehin nichts. Also feiern sie am 11. November den 70. Jahrestag der Gründung der DDR am 7. Oktober 1949, „während andere gegenwärtig lieber das 30. Jubiläum ihrer Zerstörung feiern“, wie es Tibor Zenker, Vizevorsitzender der „Partei der Arbeit“ (PdA), formuliert.

Zwei Tage nach dem 30. Jahrestag des Mauerfalles hat diese KPÖ-Abspaltung einen Mann nach Linz geholt, der eine etwas andere Sicht auf diesen Todeswall und das Leben dahinter vermittelt als Medien des „Klassenfeindes“. Hans Bauer, bis 1990 stv. DDR-Generalstaatsanwalt, klärt auf, dass die Verwendung von Begriffen wie „Unrechtsstaat“, „totalitäres Regime“ oder „Schießbefehl“ im Zusammenhang mit der DDR „völliger Unsinn“ sei.

Kein Wort von den Toten

Die Berliner Mauer habe den Frieden gesichert und es sei „eine große Leistung gewesen, so etwas über Nacht zu machen“. Dazu passt auch der Titel des Buches, das er nach dem Vortrag verkaufen und signieren wird: „Grenzdienst war Friedensdienst“.

Dass dieser Grenzdienst mindestens 140 Menschen das Leben gekostet hat, wird an diesem Abend mit keinem Wort erwähnt. Auch aus dem Publikum keine Frage dazu. Es lauscht umso andächtiger Bauers Ausführungen über „einen der leistungsfähigsten Industriestaaten der Welt“. 1989 habe Erich Honecker die dreimillionste Wohnung übergeben. Im „ersten Friedensstaat auf deutschem Boden“, so Bauer, „waren die Bürger stolz auf ihr Land und die Frauen gleichberechtigt“.

Offenbar hielt die Begeisterung der DDR-Bürger nicht Schritt mit dem Voranschreiten des Sozialismus. „Trotz der Erfolgsbilanz haben wir eine schwere Niederlage erlitten“, beklagt Bauer die „Konterrevolution“, die weniger Gestrige Befreiung nennen. Er spricht ein bisschen über Fehler, Verrat und Irrtum. Aber es sei halt „nicht einfach gewesen, allen Reisemöglichkeiten zu geben“. Eigentlich schuld war in Bauers Augen aber der damalige Kremlchef: „Ganz schlimm wurde es, als Gorbatschow die DDR fallen ließ.“

Kommt die DDR wieder?

30 Jahre danach will der Ex-Bonze die Linzer Genossen aber nicht frustriert entlassen: „Die DDR ist Kapitel eins des Sozialismus in Deutschland“, schließt er seinen Vortrag und erntet viel Beifall. Geradezu sehnsüchtig fragt ein äterer Herr, „wann denn wieder so etwas wie die DDR entstehen wird“. Bauer räumt ein, dass „derzeit die Voraussetzungen dafür nicht gegeben sind“. „Aber“, zitiert er die deutsche Kanzlerin Angela Merkel, „wir schaffen das!“

Manfred Maurer


 

Zweierlei SPÖ-Maß im Umgang mit Extremisten

Verdient eine Veranstaltung von ein paar kommunistischen Sektierern so viel Aufmerksamkeit? Nachdem das VOLKSBLATT Ende Oktober auf die DDR-Nostalgiefeier mit einem Spitzenvertreter der DDR-Justiz im ÖGB-Kandlheim in Linz aufmerksam gemacht hatte, zog der Gewerkschaftbund die Vermietung seiner Räumlichkeiten an die für eine „sozialistische Revolution“ in Österreich kämpfende „Partei der Arbeit“ zurück.

Als die Stadt Linz eines ihrer Volkshäuser als Ausweichquartier zur Verfügung stellte, während in Innsbruck der dort heute Abend geplant gewesenen Veranstaltung gleicher Art einen Riegel vorschoben wurde, berichteten fast alle Medien in Österreich über das Tauziehen um diese Events.

Event wäre zu verhindern gewesen

Es gibt Wichtigeres, ohne Zweifel. Aber wenn rund um den 30. Jahrestag des Mauerfalles in Linz der DDR-Unrechtsstaat als wunderbare Erfindung abgefeiert wird, dann schreit das nach kritischer Würdigung. Dies vor allem angesichts des Umganges der Linzer SPÖ mit dem Event. Das VOLKSBLATT hat sich entschlossen, erst hinterher über weitere Hintergründe zu berichten. Es hätte nämlich durchaus eine Möglichkeit gegeben, dieses linksextreme Stelldichein zu unterbinden, so wie es ÖVP-Klubobmann Martin Hajart gefordert hatte.

Peter Binder © SPÖ Linz

Der SPÖ-Landtagsabgeordnete Peter Binder, hatte dem VOLKSBLATT am 6. November nicht nur – wie tags darauf berichtet – erklärt, dass man keine „gesetzlich nicht gedeckte Zensur vornehmen“ und die DDR-Jubelfeier daher nicht abblasen werde. Der Sprecher der zuständigen Stadträtin Regina Fechter hatte auch offenbart, was passieren müsste, um das Event doch zu verhindern: „Wenn die Identitären eine Demo anmelden, würden wir wahrscheinlich zum Schutz von Ruhe und Ordnung und zum Schutz des öffentlichen Eigentums der Stadt von der Vermietung zurücktreten“.

Das VOLKSBLATT veröffentlichte diese Aussage bewusst nicht vor dem linksextremen Event. Die Rechtsextremisten hätten sie als Einladung verstehen können.

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