Bettgeschichte – Von der Liebe bis zur Kriegserklärung

Woran denken wir beim Wort „Bett“? Schlafen, Liebe, Krankheiten auskurieren. Aber sonst? Doch das Bett hat in der Geschichte der Menschheit eine ungleich größere Bedeutung als uns gemeinhin bewusst ist. Immerhin verbringt der Mensch ein Drittel seines Lebens im Bett. Und beileibe nicht nur mit den eingangs erwähnten Absichten. Das weisen die beiden Archäologen Nadia Durrani und Brian Fagan in ihrem soeben im Reclam Verlag erschienenen Buch „Was im Bett geschah – eine horizontale Geschichte der Menschheit“ nach.

Die ältesten bekannten Betten stammen aus Südafrika, wo sie vor rund 70.000 Jahren in den felsigen Boden gehauen wurden. Doch man kann davon ausgehen, dass die Menschen schon sehr viel früher in den Bäumen mit Zweigen und Ästen so etwas wie „Betten“ gebaut haben.

Was ihnen in der Nacht Schutz vor allem auch vor Raubtieren bot. Nach der Entdeckung des Feuers verlegten die Menschen ihre Schlafstatt rund um dieses. Erst aus der Jungsteinzeit etwa um 3000 v. Chr. gibt es Zeugnisse von echten Betten, wobei man aber meist mit Matten oder einfachen Matratzen aus Stroh oder Wolle am Boden schlief. Nur die Reichen hatten Betten mit Füßen. Damit wurde die Art des Bettes ein Statussymbol, das sollte sich im Lauf der Geschichte noch deutlich zeigen.

Bis ins Mittelalter schlief ein Großteil der Bevölkerung im Heu, auf einfachen Strohlagern oder mit Strohsäcken auf dem gestampften Lehmboden der Häuser. Adelige und andere Wohlhabende freilich besaßen schon Betten, die vom Boden abgehoben waren. Es wurde Mode, mit dem Bett Eindruck zu machen, es wurde prächtig ausgestattet mit Vorhängen und teurem Bettzeug.

In der frühen Neuzeit zählten Betten zu den wertvollsten Möbelstücken im Haus, es galt als Luxus, ein zusätzliches Bett für Freunde zu besitzen. Kein Wunder, dass das Bett in seiner möglichst prächtigen Form auch zum Symbol der Königsherrschaft wurde, ja nicht nur das, die Regierenden nützten ihre Prunkbetten auch als Bühne.

Sonnenkönig und im Bett

König Ludwig XIV. (1638 – 1715) — bekannt als Sonnenkönig — regierte in Versailles vom Bett aus, genauer gesagt, jeweils von einem seiner etwa 400 Betten. Das rituelle Aufstehen am Morgen und das Zubettgehen am Abend waren integraler Bestandteil der Herrschaft des Sonnenkönigs. Er traf Entscheidungen vom Bett aus, empfing hier Delegationen, erklärte den Krieg und leitete Feldzüge. Die Höflinge bezahlten sogar Eintrittskarten, um am Bett des Königs dabei sein zu dürfen.

Und als der Sonnenkönig starb, geschah dies nicht nur im Bett, sondern auch in Anwesenheit von Höflingen und anderen Schaulustigen. Was das Regieren vom Bett aus betrifft, gab es prominente Nachahmer des französischen Königs. Winston Churchill zum Beispiel führte während des Zweiten Weltkriegs Besprechungen mit seinen Generälen vom Bett aus. Und wer erinnert sich nicht an das „Bed-in“ von John Lennon und Yoko Ono, die 1969 als öffentliche Aktion für den Frieden eine Woche in ihrem Hochzeitsbett verbrachten?

Altes Rom: Betten-Vielfalt

Nochmals ein Blick zurück in die Geschichte des Bettes: Die alten Römer kannten eine ganze Reihe von unterschiedlichen Betten, je nach der Funktion. Da gab es natürlich ein Bett zum Schlafen und für den Sex, aber auch eines zum Speisen, ein weiteres zum Lesen und Schreiben. Auch Betten mit Rädern zum Krankentransport, freilich auch solche, an denen man Geisteskranke festband. Und dann natürlich das letzte Bett, in dem man starb, und das der Feuerbestattung diente.

Wie überhaupt das Sterbe- oder Totenbett von besonderer Bedeutung war, häufig in Verbindung mit der jeweiligen Religion. Pharaonen im Alten Ägypten beispielsweise zogen oft mit mehreren Prunkbetten ins Jenseits. In vielen Kulturen versammeln sich bis heute Familienangehörige und Freunde um das Sterbebett, das früher entsprechend ausgestattet sein musste.

Die „erste Nacht“

Am Beginn des Lebens ist das Bett ebenfalls nicht wegzudenken. Natürlich bedarf es für den Geschlechtsverkehr nicht unbedingt einer Bettstatt, aber zumindest bei den Herrschenden ging es nicht ohne. „Der Sex in königlichen Betten war oftmals genauestens inszeniert“, berichten die Archäologen Durrani und Fagan. Schreiber führten Buch über das Liebesleben der Pharaonen oder der chinesischen Kaiser. Immer war der „Vollzug der Ehe“ in herrschenden Kreisen ein wichtiges Element auch im Hinblick auf die Erhaltung der Dynastie. Große, reichlich geschmückte Betten standen für die „erste Nacht“ eines königlichen Paares bereit. Als Philipp der Gute von Burgund und Isabell von Portugal im Jahr 1430 heirateten, wurde für sie ein Bett mit rekordverdächtigen Ausmaßen gebaut: sechs Meter lang und 3,80 Meter breit! Alles musste – zumindest offiziell – den exakten Regeln entsprechen. Was „außerhalb des Palastes“ in so manchem Bett passierte, darüber schweigt die Geschichte.

Reisende in einem Bett

Heute sind wir gewohnt, dass das Bett und das Schlafzimmer zur Privatsphäre gehören, das war freilich nicht immer so. Wiederum die Archäologen: „Bettgenossen hatte man viele, gaben sie doch Geborgenheit“. Kinder, Eltern, alle im Haus Wohnenden, ganze Clans — sie alle schliefen gemeinsam in den Betten. Das galt übrigens auch bei Reisen. Es war üblich, dass man sich in Gasthäusern und Herbergen das Bett mit anderen Reisenden teilte. Findige Wirte boten dafür den „Luxus“ etwas größerer Betten als üblich an – vermutlich auch zu einem entsprechend höheren Preis.

Das gemeinsame Bett für Reisende war oft auch der Knappheit an Übernachtungsmöglichkeiten geschuldet, etwa in Pilgerzentren. Wobei auch hier wieder die Kluft zwischen Arm und Reich deutlich wurde: Wer wohlhabend war und entsprechend zahlte, der konnte veranlassen, dass ein Reisender, der schon im Bett lag, hinausgeworfen wurde, damit der reiche Gast allein schlafen konnte.
Später dann gab es Betten, die man auf Reisen mitnehmen konnte — man sieht, wir nähern uns heutigen Verhältnissen. Feldbetten, erste Luftmatratzen und Hängematten entstanden. Wohnmobile, Schlafwagen in Zügen kamen auf, schlafen kann man heute auch im Flugzeug. In den beengten eigenen Vier Wänden leisteten und leisten heute noch die Schrank- und Klappbetten wertvolle Dienste.

„Schlafkapsel“ als Bett

Die Archäologen werfen in ihrem Buch aber auch einen Blick in die Zukunft des Bettes. Hier erwarten uns „Schlafkapseln“ mit PC-Anschluss, elektronischer Steuerung von Temperatur und Beleuchtung, der Möglichkeit, störende Geräusche von außen zu unterbinden sowie mit kompletten Multimedia-Entertainments samt Spielkonsole und Beamer.

Klarerweise sind diese Betten mit dem Smartphone des Benützers synchronisiert, zum Surfen und Chatten zu jeder Tages- und Nachtzeit. Vielleicht gibt es dort auch ein Kissen, das mit Chips und Sensoren ausgestattet ist und permanent die Vitalfunktionen des Schlafenden misst. Gerade im Hinblick auf solche Entwicklungen kommen die Archäologen zu dem Resümee: „Wir sind unendlich verbunden und unendlich allein: Das Bett von heute spiegelt unser Leben wider, wie es das immer schon getan hat“.

Nadia Durrani, Brian Fagan: Was im Bett geschah. Eine horizontale Geschichte der Menschheit. Reclam, 269 S., € 24,70

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