Bis zum Stimmbruch …

Die St. Florianer Sängerknaben sind international bekannt, geben in der ganzen Welt Konzerte, wirken bei großen Musikfestspielen ebenso mit wie an bedeutenden Opernhäusern und singen bei den Hochämtern in der Stiftskirche St. Florian. Die Geschichte des Stiftes und der Sängerknaben sind eng miteinander verwoben. Heuer wird „950 Jahre Chorherrenstift St. Florian und St. Florianer Sängerknaben“ gefeiert, ein Grund, einen näheren Blick auf die St. Florianer Sängerknaben zu werfen ...

Die St. Florianer Sängerknaben, weltbekannt für ihre Stimmen — und auch für ihre besondere Matrosen-Uniform, mit Chorleiter Markus Stumpner (ganz links im Bild) und Franz Farnberger, Künstlerischer Leiter (ganz rechts im Bild). © Michael Emprechtinger

„950 Jahre Chorherrenstift St. Florian und St. Florianer Sängerknaben“ — aus diesem geschichtsträchtigen Anlass gewährt Markus Stumpner, geboren 1991 in Linz, selbst Absolvent dieser Talentschmiede und seit 2018 Chorleiter der St. Florianer Sängerknaben, einen Einblick in das Leben und den Alltag der St. Florianer Sängerknaben.

Der Heilige Florian ist Namensgeber für die St. Florianer Sängerknaben, Schutzpatron der Feuerwehr und seit 2004 Landespatron von Oberösterreich. Er starb den Überlieferungen zufolge den Märtyrertod, weil er sich als Christ bekannte. Mit einem Stein um den Hals wurde er in der Enns ertränkt (304). Am Ort seiner Grabstätte befindet sich heute das Stift. „Der Platz hatte seit jeher eine magische Anziehung“, weiß Stumpner.

So wurde das Kloster immer größer. 1071 erfolgte die Übernahme des Stiftes durch die Augustiner Chorherren und es kam zur Gründung einer Klosterschule mit Chorknaben. Frauen durften damals in der Kirche nicht singen.

Auch die Nationalsozialisten wollten ihren Nutzen aus dem Stift ziehen. 1941 wurde das Stift durch sie enteignet. Die Chorherren wurden vertrieben, das Institut wurde aufgelöst. „Adolf Hitler wollte St. Florian in ein Riesen-Kulturzentrum verwandeln. Doch der Plan konnte nicht umgesetzt werden und die Chorherren konnten nach dem Krieg zurückkehren ins Stift“, erzählt Stumpner.

1945 war es so weit. Es kam auch zur Wiederbelebung der Sängerknaben. Das Privatgymnasium wurde 1949 aufgelöst, seither besuchen die Sängerknaben die öffentliche Schule in St. Florian.

Anlässlich der Jubiläen gibt es zahlreiche Konzerte und Veranstaltungen. Etwa das Jubiläumskonzert anlässlich „950 Jahre St. Florianer Sängerknaben“ im Linzer Brucknerhaus am 25. Mai (19.30 Uhr, Mittlerer Saal) oder das Jubiläumskonzert mit Franz Welser-Möst am 11. Juni im Stift St. Florian (19 Uhr, Marmorsaal) ©Michael Emprechtinger

Anton Bruckner …

Die jahrhundertelange Musiktradition, die auch fest mit Komponist Anton Bruckner verknüpft ist, hat das Stift St. Florian weit über die Grenzen Österreichs hinaus berühmt gemacht. Die Stiftskirche mit der großen Orgel dokumentiert u. a. einen Meilenstein im Leben und musikalischen Wirken Bruckners, der unter seiner geliebten Orgel die letzte Ruhestätte gefunden hat. „Es war immer sein Wunsch, unter seiner Orgel begraben zu werden“, weiß der im Mühlviertel lebende Chorleiter. Bis heute wird diese Musik-Tradition von verschiedenen Konzertreihen belebt. Die St. Florianer Brucknertage, die OÖ. Stiftskonzerte, das Brucknerfest oder auch das Barockfestival Fiori Musicali ziehen zahlreiche Interessierte an.

Weit gereist …

Seit den späten 1960er-Jahren unternehmen die St. Florianer Sängerknaben Reisen ins Ausland und feiern große musikalische Erfolge. Nicht nur für ihre glockenhellen und reinen Stimmen, sondern auch für ihre besonderen Matrosen-Uniformen, die übrigens auf den britischen Königshof zurückgeführt werden (1846), sind sie weltbekannt.
Seit 1983 ist Franz Farnberger der Künstlerischer Leiter. Obmann des Vereins ist Leo Windtner. „Wir sind ein Verein und abhängig von Sponsoren“, betont Stumpner, der gern auf die Reisen der Sängerknaben blickt. 2019 wurde beispielsweise in einer Schule in Soweto die afrikanische Hymne gesungen. Heuer wären die St. Florianer Sängerknaben nach China geflogen, das war pandemiebedingt nicht möglich und soll nächstes Jahr nachgeholt werden.

„In China waren wir schon dreimal“, so Stumpner, der noch weitere Stationen beispielhaft aufzeigt: „Peru, Kasachstan, Mexiko, Thailand, …“
1996 wurde das Stift komplett renoviert. Es bietet alles, was das Sängerknaben-Herz begehrt: Nicht nur Musikprobenzimmer, sondern auch Swimmingpool, Freizeitangebote wie diverse Sportmöglichkeiten, Spielbereiche — ein virtueller Rundgang gewährt Einblick: www.florianer.at/rundgang.

Und wie wird man eigentlich Sängerknabe? Möglich ist das ab dem neunten Lebensjahr. Voraussetzung ist eine gesunde und saubere Stimme und musikalisches Interesse. Es ist üblich, einen Termin zu vereinbaren und zum Schnuppern zu kommen. „Der Knabe übernachtet bei uns, lernt die anderen kennen“, erzählt Stumpner. Die Schüler (aus Ober- und Niederösterreich) werden am Sonntagabend ins Stift gebracht, am Freitag nach der Schule fahren sie wieder heim.

Die Zeit als Sängerknabe endet übrigens mit dem Stimmbruch, aber es gibt auch einen Männerchor. Derzeit sind im Stift 38 aktive Sängerknaben und 20 Männerchormitglieder. Bis zu 60 Auftritte werden im Jahr absolviert.

Spannend wird es übrigens, wenn es um die Nachtruhe geht: Zehn Jungs in einem Schlafsaal, „das ist wie ein ganzes Jahr Pfadfinderlager“, zitiert Stumpner.

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