Blindenschrift für die Westentasche

Emeritierter Professor der TU Wien entwickelt mit zwei Studenten ein handliches Braille-Display, dessen Technik sich im Inneren eines Ringes abspielt. Das Gerät ist so klein, das es in jede Westentasche passt. Weitere Details dazu werden am 9. Juli auf dem IKT-Forum in Linz, einer Konferenz für Menschen mit und ohne Behinderung, vorgestellt. Die Markteinführung ist für Ende 2020 geplant.

Handliches Braille-Display © TU Wien

Die Brailleschrift hat sich seit Jahrzehnten bewährt, doch Displays sind teuer, kompliziert und sperrig. Ein von der FFG gefördertes Forschungsprojekt an der TU Wien im Rahmen eines Spin-off-Fellowship Programms entwickelt gerade ein neuartiges Konzept. Das Tetragon-Display besteht aus einem Ring, an dessen Innenseite Buchstaben in Braille-Schrift angezeigt und ertastet werden können.

Dieser Ring ist technisch verhältnismäßig einfach, passt in jede Jackentasche und soll deutlich preisgünstiger sein als die Konkurrenz. Im Zuge des IKT-Forums wird er am 9. Juli von 11 bis 12.30 Uhr in der Session „Technik und Barrierefreiheit“ an der Johannes Kepleruniversität Linz vorgestellt. Interessierte können nach dem Vortrag mit dem Tetragon-Team diskutieren.

Brailleschrift steckt im beweglichen Ring

„Seit Jahrzehnten weiß man, dass die Frage nach dem optimalen Braille-Display nicht zufriedenstellend gelöst ist“, betont Prof. Wolfgang Zagler, der sich seit vielen Jahren mit Technologien beschäftigt, die älteren oder körperlich beeinträchtigten Menschen helfen sollen: „Es gab immer wieder Ansätze mit elektromagnetisch gesteuerten, beweglichen Stiften, mit Piezo-Elementen und anderen Technologien, die aber alle ihre Nachteile hatten.“ Manche Displays haben einen hohen Stromverbrauch oder eine begrenzte Haltbarkeit, sind nur fürs Büro geeignet aber nicht transportabel, zu kompliziert oder sehr teuer.

„Natürlich gibt es heute Sprachausgabe-Software, mit der man sich Texte vorlesen lassen kann, aber das ist kein vollwertiger Ersatz“, ist Zagler überzeugt: „Lesen ist schließlich eine wichtige Kulturtechnik. Es ist unverzichtbar, dass blinde Menschen auch in Zukunft mit der Braille-Schrift vertraut sind. Gemeinsam mit Michael Treml und Dominik Busse, zwei seiner ehemaligen Studenten, entwickelt er eine völlig neue Idee: Die Blindenschrift soll nicht mehr auf einer unbeweglichen Zeile angezeigt werden, stattdessen tastet der Blinde das Innere eines drehbaren Rings ab. „Ähnlich wie eine Computermaus kann man den Ring anfassen und über die Tischoberfläche ziehen. Der Zeigefinger befindet sich im Inneren des Rings, und dort ertastet man die Buchstaben, die bei jeder Umdrehung des Rings neu gebildet werden. So entsteht beim Lesen der Eindruck einer unendlich langen Zeile.“

Die sechs tastbaren Punkte, aus denen in der Braille-Schrift jeder Buchstabe aufgebaut ist, wurden in drei Zweier-Gruppen zerlegt. Für jede Zweier-Gruppe gibt es vier Möglichkeiten, die auf den vier Seiten eines Quaders aufgebracht werden. Während sich diese Quader im Kreis bewegen, können sie nach Belieben verdreht werden, so dass für den nächsten Ablesevorgang aus drei Quadern der gewünschte Buchstabe angezeigt wird. Das Display ist robust und wenig fehleranfällig. Durch die kompakte Bauweise kann das Gerät problemlos eingesteckt werden.

Das Forschungsprojekt, das nach eingehenden Testphasen, einen Prototypen zum Ziel hat, läuft bis Jahresende. Die Markteinführung ist für Ende 2020 geplant.

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