Blutrot, blass oder schrill …

Drei Burgtheater-Premieren: Thomas Bernhard, Strindberg & Wilde

Robert Reinagl, Maria Happel, Martin Schwab ud Arthur Klemt in Bernhards „Die Jagdgesellschaft“
Robert Reinagl, Maria Happel, Martin Schwab ud Arthur Klemt in Bernhards „Die Jagdgesellschaft“ © Burgtheater/Hassler-Smith

Während Martin Kusej das Haupthaus des Burgtheaters renovieren lässt (dabei hat er die Bestuhlung einzeln an Theaterfans verkauft, um das Budget aufzubessern), kamen im Akademietheater in schneller Folge drei Premieren heraus, die teilweise schon vor dem Lockdown fertig waren und nun endlich live gezeigt werden können.

Dreimal „Regietheater“, allerdings nicht unbedingt vom Feinsten. Sondern ein großteils verstörender Umgang mit Stücken.

„Die Jagdgesellschaft“

Am besten kam noch Thomas Bernhard (1931-1989) weg, der bekanntlich Oberösterreich als seinen Lebensraum erkoren hat. Er wäre heuer 90, er ist seit über 30 Jahren tot, er war in seinen letzten beiden Lebensjahrzehnten der glanzvolle, skandalumwitterte Star der deutschsprachigen Theaterlandschaft. Dann ging er den Spielplänen nach und nach verloren, wobei sich nun ein „Comeback“ abzeichnet.

In Linz hatte die Dramatisierung seiner „Alten Meister“ Erfolg, in Wien gab es zwei (!) Bernhard-Premieren an einem Abend, wobei man im Volkstheater erlebte, wie der neue Direktor Kay Voges sich angesichts von „Der Theatermacher“ zeitgenössisches Theater vorstellt. Im Akademietheater inszenierte die deutsche Regisseurin Lucia Bihler „Die Jagdgesellschaft“, Bernhards drittes Stück, den lustvoll zelebrieren des Untergangs der herrschenden Klasse.

Schon optisch entkam man dem Abend nicht, blutrot war jedes Detail von Szenerie und Kostümen, Lackleder glitzerte, eine unheimliche, verfremdete Welt, die an Vampir-Horror-Filme erinnerte, wurde beschworen. Das war eindrucksvoll, hätte aber nun ein gleich starkes Sprechgerüst erfordert.

Aber im Umgang mit Bernhards Sprache erwies sich, dass beiläufiges Parlando-Geplaudere (besonders schwach in diesem Zusammenhang: der Schriftsteller des Markus Scheumann) dem nicht gerecht wird, was der Dichter zu sagen hat. Generalin und General (Maria Happel und Martin Schwab) gingen etwas überzeugender unter, aber auch hier reichte es nicht wirklich für die Bernhard’sche Untergangs-Vision. In diesem Fall war es die in Blut getauchte Szene, die dem anarchischen Zugriff des Dichters näher kam als die Darsteller.

„Fräulein Jule“

Was Strindbergs „Fräulein Julie“ betrifft, so hat Regisseurin Mateja Koleznik das Stück konzeptionell gewissermaßen ins Gegenteil verdreht. Kein Machtspiel Herrin gegen Diener, das sich umdreht, als der Diener das adelige Fräulein auf ihre fleischliche Existenz als sexuell zu gebrauchende Frau zurückführt und damit in die Unterlegenheit stürzt.

Jedenfalls sind es bei Strindberg zwei starke Menschen, die zum Kampf antreten (bis zum blutigen Ende), diese Inszenierung verwandelt sie in Gestalt von Maresi Riegner und Itay Tiran in zwei knieweiche und weitgehend uninteressante Schwächlinge. Am stärksten noch, wenn auch nicht zur vollen Möglichkeit der Figur auffahrend, Sarah Viktoria Frick als Dritte im hässlichen Bunde. Solcherart hat dem Stück seinen Charakter, sein Thema, seine Eigenart ausgetrieben.

„Bunbury“

Dass man sich aber noch viel, viel weiter von einem Original entfernen kann, das zeigte der italienische Regisseur Antonio Latella, als er daran ging, Oscar Wildes Komödie „Bunbury“ in Grund und Boden zu inszenieren. Unternommen wird die Hinrichtung eines Stücks durch — Zerstückelung. Was die Schauspieler leisten müssen, ist ein Wettbewerb der Unnatur, jegliche Verkrampfung von Körper und Sprache.

Wildes Stück, das heiter und dabei sehr kritisch ist, kommt bis zur Unkenntlichkeit unter die Räder. Schauspieler von der Größenordnung einer Regina Fritsch müssen dabei mitmachen. Sie ist, wie alle anderen auch, eine Marionette des Regiewillens, der sich weder um einen Dichter noch um Schauspieler kümmert, sondern nur um seine eigenen verdrehten Ideen, die dann als „moderner“ Zugang zu einem Stück angepriesen werden.

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