Böhmische Weihnacht

Wenn es kalt wird und der erste Schnee fällt, verwandelt sich das mittelalterliche Stadtzentrum von Krumau in eine märchenhafte, vorweihnachtliche Welt. An vielen Ecken und Enden wird man warm vom Advent und seinem Lichterglanz begrüßt, die grandiose Kulisse tut ihr Übriges. Eintauchen in die böhmische Weihnachtszeit.

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Die wunderschöne Altstadt von Krumau bietet eine herrliche Kulisse für vorweihnachtliches Geschehen. © Archiv Czech Specials agentury CzechTourism

Text: Melanie Wagenhofer

Die historische Altstadt von Krumau, über der das mächtige Schloss wacht, wird als Kulturdenkmal auf der Liste des UNESCO-Welterbes geführt. Eine grandiose Kulisse für das bunte Treiben im Advent: Überall in den engen Gässchen liegt Weihnachtsduft in der Luft, wunderschöne Weihnachtsbeleuchtungen zaubern einen besonderen Lichterglanz, die Besucher naschen Waffeln, Kekse oder Trdelnik, ein traditionelles Gebäck, bei uns besser bekannt als Baumstriezel. Das typische böhmische Adventsgetränk ist der aromatisch würzige Glühwein. Auch traditionelles Handwerk hat in der Vorweihnachtszeit in der Stadt seine Bühne. An verschiedenen Stellen warten Weihnachtskrippen darauf, bestaunt zu werden: Auf dem Platz Svornosti wird am 1. Adventsonntag die Strohkrippe einer böhmischen Künstlerin aufgestellt. Im Klosterhof wird am 8. Dezember eine neue Krippe aus der Werkstatt der Lehrer und Schüler der Kunstgewerbeschule St. Agnes von Böhmen enthüllt. Ab dem ersten Weihnachtstag und bis Lichtmess ist die historische Krippe in der Kirche St. Veit zu besichtigen. Im zweiten Schlosshof nimmt am 23. Dezember von 16.15 Uhr bis 18.30 sogar eine lebende Krippe Aufstellung. Eine Besonderheit ist auch die Bärenweihnacht, die seit vielen Jahren am 24. Dezember im Vorhof des Schlosses gefeiert wird: Dann werden für die Braunbären, die hier das ganze Jahr untergebracht sind, Fichten mit Süßigkeiten aufgestellt, die die Tiere vor viel Publikum dann ausnahmsweise naschen dürfen.

Die Weiße Frau holt die Wunschbriefe der Kinder

In Krumau wird alljährlich auch das Weihnachtspostamt „Zum Goldenen Engel“ am Platz Svornosti auf dem Glockenturm eingerichtet. Die legendäre Weiße Frau, so heißt es, holt die Briefe der Kinder dort ab und übergibt sie persönlich dem Christkind. Um die Erscheinung aus längst vergangenen Tagen ranken sich alte Sagen: Es soll sich um Perchta von Rosenberg handeln, die Tochter des einstigen Schlossherrn Ulrich II.. Ihr Vater verheiratete sie 1449 gegen ihren Willen mit einem Fürsten, der sie sehr schlecht behandelte. Nach seinem Tod kehrte sie gezeichnet vom Erlebten nach Krumau zurück. Nach ihrem Tode erschien sie als Weiße Frau den Kindern ihres Geschlechts und kümmerte sich besonders um sie. Als sie von einer unwissenden Amme verscheucht wurde, verschwand sie für immer…
Es kursieren aber nicht nur viele Geschichten um die Weiße Frau, die Menschen sind generell dem Aberglauben nicht abgeneigt. Das äußerte sich in zahlreichen Ritualen auch in der Weihnachtszeit, die früher zuhause gepflegt wurden, von den viele jedoch verloren gegangen sind. So soll es am Heiligen Abend ein neungängiges Weihnachtsmenü geben, und die Zahl der Gedecke am Tisch eine gerade sein, egal, wie viele Gäste teilnehmen, weil man dachte, eine ungerade Zahl bringe Unglück. Mit dem Mahl begonnen werden durfte erst, wenn die ersten Sterne am Himmel standen. Alkohol war am Heilige Abend verboten. Die Gäste mussten nach dem Mahl gemeinsam aufstehen, kam ein Einzelner zuvor, so hieß es, der Betreffende werde im nächsten Jahr aus dem Leben scheiden. Die Reste der Mahlzeit wurden im Garten vergraben, damit die Pflanzen im nächsten Jahr gut gedeihen, und auch die Tiere mussten dann versorgt werden: Fütterte man etwa den Kühen am Heiligen Abend ein Stück Vanocka, das traditionelle Weihnachtsbrot, ein böhmischer Striezel, so sollen sie im nächsten Jahr viel Milch geben. Am 24. Dezember wurde traditionell auch Blei gegossen und nicht, wie bei uns üblich, erst an Silvester. Und nicht nur mit den aus Blei entstandenen Formen wurde in die Zukunft geschaut, sondern auch mit Walnussschalen, die man in eine Schale mit Wasser gestellt hat. Wessen Walnussboot es ans andere „Ufer“ schaffte, der durfte ein glückliches Jahr erwarten. Auch das Innenleben der Äpfel gab in der Vorstellung der Menschen Auskunft über zu Erwartendes: War das Innere der am Heiligen Abend quer aufgeschnittenen Frucht sternförmig, würde alles gut werden, ein viergliedriges Kreuz verhieß hingegen nichts Gutes.
Junge Frauen wollten mit diversen Bräuchen herausfinden, wie ihre Heiratschancen am Markt im nächsten Jahr aussehen: Darauf deuteten nicht nur erblühende Barbarazweige, die man am 4. Dezember ins Wasser stellte, hinweisen, sondern auch Schuhe, die die Hoffnungsvolle an Weihnachten, mit dem Rücken zur Tür stehend in eben diese Richtung warf: Landete der Schuh mit der Spitze zur Tür, so sollte demnächst eine Hochzeit ins Haus stehen.
Und wenn man an böhmische Weihnachten denkt, dann gibt es noch etwas, das sich auch in unseren Breiten schon zum liebgewordenen Brauch entwickelt hat: Der böhmische TV-Märchenfilm „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ gehört längst zum Fixpunkt im weihnachtlichen Fernsehprogramm…

 

Altböhmischer „Kuba“ mit Schwammerln

Da in Böhmen am Heiligabend bis zum Festessen üblicherweise auf Fleisch verzichtet wird, ist der fleischlose „Kuba“ die ideale Mahlzeit für ein schmackhaftes Mittagessen. Das traditionelle altböhmische Gericht besteht vornehmlich aus Graupen und Schwammerln.

Zutaten: 500 g Graupen, 300 g Schmalz, 100 g Zwiebeln, 50 g getrockneter Pilze, 5 Knoblauchzehen, Butter, Salz, Pfeffer, Majoran und Kümmel

Zubereitung: Graupen gründlich waschen und über Nacht einweichen lassen, dann im Topf mit ein wenig Schmalz weich kochen. Die eingeweichten Pilze und auf Schmalz angeröstete Zwiebel untermischen. Mit Salz, Pfeffer, gepresstem Knoblauch, Majoran und Kümmel abschmecken und die fertige Mischung in eine sorgfältig mit Schmalz ausgefettete Backform geben. Bei 180 Grad zirka 30 Minuten lang backen. Vor dem Servieren mit einer Scheibe Butter und Kräutern dekorieren.