Botschafter der Meere

Seine Botschaft ist heute angesichts überfischter Weltmeere und riesiger Ozean-Plastikinseln aktueller denn je: Hans Hass, Pionier der Meeresforschung, des modernen Tauchsports und der Unterwasserphotografie wäre am 23. Jänner 100 Jahre alt geworden. Sein Leben lang versuchte er den Menschen die unbekannte Welt unter dem Meeresspiegel näher zu bringen.

„Das ist Unterwasserkamera-Technik in Voll-endung“: Hans Hass 2004 bei der Premiere des ihm gewidmeten Dokumentarfilmes „Deep Blue“, der Kinoversion der achtteiligen BBC-Serie „Unser blauer Planet“. Bis in 1000 Meter Tiefe gehen die Aufnahmen, die die Meeresbewohner und ihren Kampf ums Überleben zeigen. © APA/Schlager

„Ich war und bin stets auf der Suche nach dem Neuen, nach Dingen, die andere nicht machen“, sagte er einst. Und so hängte der am 23. Jänner 1919 als Sohn eines Rechtsanwalts geborene Hans Heinrich Julius Hass, der ursprünglich seinem Vater in die Anwaltskanzlei folgen sollte, sein Jus-Studium nach zwei Semestern an den Nagel und sattelte auf Zoologie um.

Seine Leidenschaft für die Taucherei begann 1937, als der damals 18-jährige Maturant an der französischen Riviera mit dem Tauchsport in Berührung kam. Damals wurde mit einfacher Unterwasserbrille getaucht. Seine Harpune, die zur Fischjagd diente, tauschte Hass bald schon gegen eine Kamera ein und eröffnete damit einer breiten Öffentlichkeit den Zugang zu einem bis dahin unbekannten Universum.

Ein Fisch unter Fischen

Die Umhausung für seine erste Unterwasserkamera ließ Hass nach seinen Vorstellungen von einem Wiener Kunstschlosser anfertigen. Die Entwicklung eines Tauchgerätes folgte 1941. „Ich wollte mich wie ein Fisch unter Fischen bewegen“, sagte er. Um sich seinen scheuen Fotomotiven geräuschlos nähern zu können, setzte Hass auf geschlossene Sauerstoff-Kreislauf-Geräte, die keine Blasen aufsteigen ließen. Er tauchte nach eigenen Angaben bis in eine Tiefe von 25 Metern. Durch seine zum Großteil selbst finanzierten Forschungsreisen wurde der Wiener, der aufgrund einer Gefäßerkrankung der Füße nicht zur Wehrmacht eingezogen wurde, weltweit zur Legende. Seine Reisen führten Hass und seine Crews mit den Segelschiffen „Seeteufel“ und später der „Xarifa“ (Die Schöne) in die Ägäis, ins Rote Meer, nach Polynesien, Australien, zu den Galapagos und in den Indischen Ozean.

Seine Lebensliebe fand Hass in seiner zweiten Ehefrau, seiner ursprünglichen Assistentin Charlotte (Lotte) Baierl (+ 2015), mit der er von 1950 bis zu seinem Tod am 16. Juni 2013 verheiratet war. „Sie war die erste Frau, die den Mut hatte, in den Korallenmeeren zu tauchen“, sagte er einmal bei einem Interview. „Sie hat mich auf den meisten meiner Reisen begleitet und mir auch sehr geholfen.“ Und sie brillierte in seinen Filmen als Darstellerin und Unterwasser-Kamerafrau.

Ehrenrettung für die Haie

Unter Wasser galt Hass’ Liebe den Haien. Gemeinsam mit dem Verhaltensfoscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt setzte er sich für die Ehrenrettung des vielfach gefürchteten und zur mörderischen Bestie hochstilisierten Fisches ein. „Wenn ich auf Haie traf, waren die neugierig, aber nicht angriffslustig“, sagte er einmal in einem Zeitungsinterview. Dennoch: Zweimal in seinem Leben musste Hass Haiangriffe abwehren.

Kampf für Ökosystem

In späteren Jahren entwickelte sich der Naturforscher immer mehr zum Kämpfer gegen die Umweltzerstörung. Die Fischerei trage mit ihren technischen Mitteln dazu bei, dass viele Fischarten ausgerottet werden, gestand er ein und wandte sich in einem Manifest an Sporttaucher gegen die zuvor auch von ihm betriebene Unterwasserjagd mit Gewehren. Diese sei unsportlich und bedrohe die marinen Ökosysteme an den Küsten. Dennoch sah Hass die Vielzahl an Sporttauchern, die heute die Meere bevölkern, durchaus positiv. Tauchschulen hätten dafür gesorgt, dass die meisten Taucher sehr naturbewusst seien. Hass machte auch auf die Küstenzerstörung durch den „uneingeschränkt expandierenden“ Massentourismus aufmerksam: Schädigungen der Meeresfauna seien dort zu beobachten, wo Menschen in großen Massen die empfindlichen Riffe stürmen, sagte er 1994.

Das Tauchen und die Erforschung der Unterwasserwelt bestimmten nur die erste Hälfte von Hass’ Berufsleben. Nach 1960 widmete er sich der Theoretischen Biologie. In seiner 1970 publizierten Energon-Theorie verglich er etwa Fabriken mit Organismen. Darüber hinaus profilierte er sich als gefragter Unternehmensberater.

Abenteuer festgehalten

Zu seinen Lebzeiten publizierte Hass 32 Bücher und produzierte 73 Filme, darunter der bei der Biennale Venedig prämierte Kinofilm „Abenteuer im Roten Meer“ (1951) und „Unternehmen Xarifa“ (1954), der ihm 1959 den Oscar einbrachte. Und auch dem ungewöhnlichen Paar Hans und Lotte wurden filmische Denkmale gesetzt. Zuletzt im 2011 erstmals ausgestrahlten Fernsehfilm „Das Mädchen auf dem Meeresgrund“ mit Benjamin Sadler und Yvonne Catterfeld in den Hauptrollen, der auf dem gleichnamigen Buch von Lotte Hass basiert. Für einige Szenen standen die beiden sogar – 81- und 91-jährig – selbst vor der Kamera. Und mit „Ein Leben lang auf Expedition“ von Michael Jung gibt es auch eine Hass-Biografie, erschienen im Jahr 1994.