Bregenzer Festspiele: „Sibirien“ lässt eher kalt

Regisseur Barkathov verschneidet Räume und Zeiten in einem Bild © APA/DIETMAR STIPLOVSEK

Eine ganz heiße Nummer ist dieses „Sibirien“ nicht. Die Bregenzer Festspiele haben am Donnerstagabend mit der Hauspremiere ihre Tradition fortgesetzt, dem Spektakel auf der Seebühne Preziosen entgegenzusetzen, die es nicht in den Repertoirebetrieb geschafft haben. Bisweilen fördert Intendantin Elisabeth Sobotka wie mit Franco Faccios „Hamlet“ dabei echte Schätze zu Tage. Bisweilen führt auch die Bregenzer Wiedergeburt zu keinem dauerhaften Repertoireleben.

Umberto Giordanos 1903 uraufgeführtes Musikdrama „Sibirien“ dürfte wohl in letztere Kategorie fallen. Etwas zu groß bleibt die Diskrepanz zwischen italienischem Schmacht und russischer Tristesse, etwas zu beliebig die Musik – ungeachtet guter Momente und einer starken Frauenfigur, die Vorbildern wie der Adriana Lecouvreur oder der Traviata an Stärke in keiner Weise nachsteht.

Im Zentrum steht die zur Hure gemachte Stephana im zaristischen St. Petersburg, die sich in den einfachen Soldaten Vassili verliebt und diesem schließlich ins Straflager nach Sibirien folgt, als dieser einen ihrer Liebhaber angreift und verurteilt wird. Als dort ihr einstiger Zuhälter auftaucht – ein ausgesuchter Ungustl – tritt sie diesem mutig entgegen, verleugnet ihre Vergangenheit nicht, aber steht zu ihrem neuen Lebenswandel. Und doch bleibt auch dieser Stephana das Schicksal der starken Operndamen nicht erspart, und sie stirbt am Ende beim Fluchtversuch im Kugelhagel der Wachen.

An der Bregenzer Inszenierung dürfte ein etwaiger sibirischer Frühling nicht scheitern. Der junge russische Regisseur Vasily Barkhatov umspielt diese eigentliche Handlung mit der Rahmensetzung der Tochter von Stephana und Vassili, die sich als alte Frau nach Russland aufmacht, um das Schicksal ihrer Eltern zu recherchieren. Nicht zuletzt mit der bühnentechnischen Überblendung von zeitlich auseinanderliegenden Räume ermöglicht diese Klammer stimmige Zeitverschneidungen zwischen dem Heute und einer untergegangenen Welt. Sie bietet die Chance, allzu kitschige Sequenzen als nostalgischen Rückblick einer traumatisierten Tochter auf den Spuren ihrer misshandelten Eltern zu betrachten und legt den Fokus stärker auf die unmenschlichen Bedingungen eines autokratischen Systems als dies im reinen Liebesschmacht des Originallibrettos der Falle wäre.

Schließlich schreibt Giordano, der für sein Werk ebenso wie Puccini beim heurigen Seebühnenstück „Madame Butterfly“ auf ein Libretto von Luigi Illica zurückgriff, keine sozialrealistische Musik im Stile eines Leoš Janáček, sondern eine zutiefst veristische, italienische, die auf Emotionen setzt. Valentin Uryupin führt hier die Wiener Symphoniker gekonnt um etwaige Klippen des Zuviels herum und schafft eine verhältnismäßig schlanke Ausdeutung der Partitur.

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Wie ein Fisch im Wasser des Zuviels fühlt sich indes die 39-jährige Kanadierin Ambur Braid als Stephana – die sich dabei aber trotz guter Voraussetzung leider ein wenig zu sehr fallen lässt. Sie nuanciert in ihrer Partie zu wenig, setzt von Beginn weg auf volles Vibrato und Emphase, womit sie sich jegliche Entwicklungsmöglichkeit der Figur zunichte macht. Alexander Mikhailov indes hat als Liebhaber Vassili ein schönes Timbre, das aber schlicht zu klein für das große Festspielhaus ist, um seine volle Wirkung zu erzielen. Sei’s drum, umso mehr kann die starke Frauenfigur der Stephana glänzen.

Dennoch bleibt die Bilanz: „Sibirien“ ist und bleibt wohl im Repertoire beliebt wie Sibirien unter Pauschaltouristen. Einen lohnenden Vergleich über parallele Entwicklungen des Musiktheaters ziehen kann man in Bregenz heuer aber in jedem Falle, wurde „Sibirien“ doch nur ein Jahr vor der „Butterfly“ an der Scala uraufgeführt. Wer es nicht zu den beiden Folgeaufführungen nach Bregenz schafft, der kann sich die Oper auch im Heimformat aneignen. ORF III zeigt am 31. Juli ab 22.45 Uhr eine Aufzeichnung.

„Sibirien“ von Umberto Giordano im Festspielhaus Bregenz. Musikalische Leitung der Wiener Symphoniker: Valentin Uryupin, Regie: Vasily Barkhatov, Bühne: Christian Schmidt, Kostüme: Nicole von Graevenitz. Mit Stephana – Ambur Braid, Nikona Fredrika – Brillembourg, La fanciulla – Clarry Bartha, Vassili – Alexander Mikhailov, Gleby – Scott Hendricks, Fürst Alexis – Omer Kobiljak, Ivan – Manuel Günther, Bankier Miskinsky – Michael Mrosek, Walinoff – Unnsteinn Árnason, Hauptmann – Stanislav Vorobyov. Weitere Aufführungen am 24. Juli und 1. August. bregenzerfestspiele.com

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