Breitenwirksames Gerichtsdrama

„Der Fall Collini“ nach dem Debütroman von Ferdinand von Schirach

Von Nikolaus Täuber

Werden im Kino Themen wie Recht, Gerechtigkeit oder Verantwortung beleuchtet, geschieht das selten unter Mitwirkung von Publikumslieblingen, die ihre Meriten im Komödienfach erwarben. Marco Kreuzpaintner setzt in seiner Verfilmung des Romandebüts von Erfolgsautor Ferdinand von Schirach mit Elyas M’Barek aber auf einen solchen, was in „Der Fall Collini“ großteils aufgeht.

Elyas M’Barek gelingt der Wechsel ins ernste Fach

Als der Unternehmer Hans Meyer (Manfred Zapatka) in einem Berliner Hotel von dem vom italienischen Altstar Franco Nero verkörperten 70-jährigen Gastarbeiter Fabrizio Collini ermordet wird, ist die Schuldfrage eigentlich intuitiv geklärt — zu eindeutig stellt sich die Situation dar. Der von M’Barek erfrischend unerfahren angelegte Junganwalt Caspar Leinen stolpert als Pflichtverteidiger in den vermeintlich klaren Fall, der für ihn aber schnell faustdicke Überraschungen bereit hält.

Wie sich herausstellt, handelt es sich bei dem Ermordeten um Leinens väterlichen Freund und langjährigen Förderer. Für den jungen Anwalt entpuppt sich die Aufgabe einerseits als große Chance, aber auch als schwere Prüfung für seine frühere tiefe Verbundenheit mit der Familie, von der eigentlich nur noch Meyers Enkelin Johanna (Alexandra Maria Lara) übrig ist. Franco Nero, der in den 1960er-Jahren als „Django“ in der gleichnamigen Italowesternreihe gewissermaßen zum Inbegriff des wortkargen Rächers wurde, gibt sich auch gegenüber seinem Anwalt vor allem schweigsam.

Die Szenen, in denen sich der ambitionierte Elyas M’Barek darum bemüht, den Elefanten des fehlenden Motivs des bisher unbescholtenen Angeklagten aus dem Raum zu schaffen, und Nero ihm vor allem leer entgegenblickt, erweisen sich als Glücksfall. Das gilt auch für den Rechtsanwalt der Anklage, den Strafrechtsprofessor Richard Mattinger, den Heiner Lauterbach überheblich, verbindlich und eiskalt berechnend spielt.

Die konstruierte, dem Spannungsbogen aber trotzdem dienliche Handlung des Bestsellers von Anwalt und Schriftsteller Ferdinand von Schirach führt dann doch weit in die Vergangenheit ins von Nazideutschland besetzte Italien und in die Untiefen deutschen Justizsystems. Und der immer mehr selbstaufopfernd agierende Verteidiger Leinen kann sich in dem abgründigen „Spiel“ mit Lauterbach zunehmend behaupten.

Auch wenn M’Bareks betont idealistischer Figur ein wenig die Zwischentöne fehlen, hält Kreuzpaintners Inszenierung nicht nur im Gerichtssaal starke Momente bereit. Die Verhandlung der Fragen nach Schuld, zum Umgang mit Ungerechtigkeit und zur Rolle der Gerechtigkeit in der Rechtsprechung wird zwar nicht ohne Pathos bearbeitet. In „Der Fall Collini“ gelingt es aber, diese schweren Themen breitenwirksam in einen spannenden Gerichtsthriller mit Haltung zu verpacken.

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