Bruckner, Jazz & Schneuztüchl

Chefdirigent Markus Poschner diskutierte in Linz mit Christine Haiden

Christine Haiden und Markus Poschner im Gespräch
Christine Haiden und Markus Poschner im Gespräch © BOL/Peter Beer

Von Christian Pichler

Das „große Sterben“ bei Richard Wagner, vom Komponisten männlich heroisiert. Ein Krieger, der minutenlang sinnlos mit seinem Schwert herumfuchtelt. „Eine richtige Bubengeschichte“, sagt die „Ring“-erfahrene Christine Haiden, „ich habe keinen Zugang gefunden“.

Immerhin lachen musste sie viel, als Frau hätte sie aber andere Sorgen — die „Kinder großkriegen“, mit einem hoffentlich einigermaßen verträglichen Mann umgehen. Markus Poschner will dem wenig entgegensetzen: „Was Sie jetzt sagen, bringt mich in größte Krisen.“

Wagnis und Experiment

Poschner ist seit 4. September (Anton Bruckners Geburtstag) 2017 Chefdirigent des Bruckner Orchesters Linz. Seinen Einstand hatte Poschner damals bei der Ars Electronica mit einer fantastischen Achten von Bruckner in der Gleishalle des Linzer Hauptbahnhofs. Ein Wagnis und ein Experiment, das Meisterwerk in Kombination mit Jazzigem, Elektronischem, Weltmusikalischem. Ein Signal der Öffnung von Poschner, der „das strenge System einer Sonate“ ebenso liebt wie „das Direkte, die Kraft“ des Jazz (Poschners erster selbst gekaufter Tonträger war eine LP von Louis Armstrong).

Sinnieren über Bruckner

Am Montag diskutierten Poschner und Christine Haiden im Mediendeck des OÖ Kulturquartiers, eingeladen hatte der Linzer Keplersalon. Haiden nahm wiederholt die Rolle des reflektierten, denkmalstürmenden Punk ein, was der Diskussion ordentlich Würze verlieh. Die gebürtige Niederösterreicherin ist Autorin und langjährige Chefredakteurin der Zeitschrift „Welt der Frauen“, sie begründete u. a. das Frauennetzwerk im OÖ. Presseclub mit. Mit ihr ein lustvolles Hinterfragen der geplanten „Marke Bruckner“, ein Sinnieren über Bruckner-Interpretationen, dazu Poschner: „Wir haben nur diesen vermaledeiten Text, den Notentext.“

Haiden offensiv, sie spricht über Klassik-Publikum und soziale Hürden: Was ist „bürgerlich“? Nur „Kleidung und Habitus“? Oder bedeutet es auch, sich gesellschaftspolitisch einzubringen? Wie kommt es, dass die Mächtigen bis hin zum Dritten Reich die Schönheit, die „Erhabenheit“ Bruckners so gerne für sich vereinnahmen? Poschner weiß um dieses Dilemma. Klassik eigne sich eben auch „gut für autoritäre Gemüter. Das hat immer auch mit unserem Ich zu tun“.

Wie die herrliche Musik Bruckners popularisieren? Gar nichts hält Poschner davon, Bruckner zeitgeistig — Aufmerksamkeitsschwelle! — zu „komprimieren“: „Das ist der größte Blödsinn, so zu tun, als ob Bruckner dadurch einfacher zu verstehen wäre.“

Haiden, ganz Teufelsadvokatin, ging so weit, ein gemeinsames Auftreten mit dem Schneuztüchl-„Sänger“ Andreas Gabalier anzudenken. Poschner versuchte, das groteske Ansinnen rational zu bändigen. Der Mensch und seine Gefühle dermaßen vielschichtig, Schlagermusik würde da nur „den Rahm abschöpfen und schnelle Treffer landen“: „Es gibt keine Schnittpunkte, wir erzählen eine andere Geschichte.“