Brucknerfest Linz mit Kritik von Kehlmann an Kurz eröffnet

In Linz ist am Sonntag das Brucknerfest eröffnet worden. Schriftsteller Daniel Kehlmann erinnerte in seiner Festrede daran, dass einst Flüchtlingsströme auch von Österreich aus in die Welt gezogen sind und kritisierte Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) scharf für dessen Flüchtlingspolitik. LH Thomas Stelzer (ÖVP) kündigte – nach Kürzungen zuletzt – eine Aufstockung des Kulturbudgets für 2019 an.

Der diesjährige Festredner Daniel Kehlmann begann seine Ausführungen mit sehr persönlichen Erzählungen. Zunächst schilderte der Autor ein Erlebnis beim Besuch eines Gedenkkonzerts im Steinbruch des ehemaligen KZ Mauthausen. Nach einen extrem stimmungsvollen Abend mit schöner Musik und Lichtshow unter freiem Himmel gab es Gedränge und Stau beim Hinausgehen, und er habe gedacht: „Wieso kommt man hier nicht weg?“ – um rasch zu der schaurigen Erkenntnis zu gelangen, dass dieser Steinbruch absichtlich so konzipiert ist, dass man nicht wegkommt. „Er war aus Stein. Er war kein Sinnbild. Er war so wirklich, so solide wie nur irgendetwas sein kann. Und alles, was darin geschehen war, war wirklich geschehen, und zwar gerade erst“, so der Schriftsteller, dessen Vater selbst in einem Nebenlager von Mauthausen interniert war und das KZ überlebt hat.

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Kehlmann erinnerte daran, dass sich vor noch gar nicht allzu langer Zeit von Österreich aus „Flüchtlingsströme über Europa ergossen haben, Ströme von Verzweifelten, Entwurzelten und Entrechteten, die man von hier vertrieben hatte und die dann keiner draußen aufnehmen wollte“. Wenn man daran denke, „dann beurteilt man vielleicht auch einen jungen Kanzler anders, dessen größter Stolz darin liegt, dass er im Bündnis mit dem Möchtegern-Diktator Ungarns imstande war, verzweifelte Menschen ohne Heimat, Pässe und Rechte, die mit Mühe das nackte Leben retten konnten, von unserem reichen Europa fernzuhalten“.

Es tue ihm leid, dass „auch ich, wie all die anderen dieser Tage Reden haltenden Schriftsteller, darauf zurückkommen muss“, sagte Kehlmann. „Womöglich bricht ja bald wieder eine Zeit an, in der man in Österreich über Musik, über Kunst, über schöne Dinge sprechen kann, ohne von den Fliehenden und von unserer beunruhigenden Regierung zu reden. Ich hoffe inständig, diese Zeit kommt. Aber sie ist noch nicht hier.“

Die Zweite Nationalratspräsidentin Doris Bures (SPÖ) näherte sich dem Festivalthema „Tradition“ in ihrer Eröffnungsrede mit einem Zitat von Vivienne Westwood an: „Konservatismus heißt: nichts zu ändern. Tradition bedeutet, etwas zu haben, mit dem man sich auseinandersetzen kann.“ Zu den guten Traditionen Österreichs zählt sie die Konsensdemokratie, „in der jene, die die Mehrheit haben, den Dialog mit allen gesellschaftlichen Gruppen suchen“. Zwar habe auch die Konfliktdemokratie ihre Anhänger. Bei letzterer heiße es oft, „da geht etwas weiter“, aber „der soziale Frieden, der zu den größten Stärken der Zweiten Republik gehört, würde verspielt werden“, warnte Bures. Sie wünsche sich, „dass auch unsere Enkelkinder in einem Klima der Konsensdemokratie heranwachsen können“.

LH Stelzer nutzte die Veranstaltung für die Ankündigung, dass es im nächsten Jahr wieder mehr Geld für Kultur geben solle. Die vielen Kulturschaffenden und ihre Arbeit seien „Teil unserer Lebensqualität“ in Oberösterreich. „Um diese Vielfalt zu ermöglichen, werden wir das Kulturbudget im nächsten Jahr anheben“, so Stelzer, dessen Kürzungen im Kulturbereich im laufenden Jahr für viel Kritik gesorgt hatten.

Neben den Ansprachen und der musikalischen Umrahmung durch das Oö. Jugendsinfonieorchester unter Markus Poschner und den Mozartchor des Linzer Musikgymnasiums erfolgte in der Eröffnungsfeier auch die Weihe der neuen Orgel des Brucknerhauses durch Diözesanbischof Manfred Scheuer, Superintendent Gerold Lehner und den St. Florianer Probst Johannes Holzinger. Die künstlerische Taufe erfährt das Instrument morgen, Montag, mit einem Konzert der lettischen Virtuosin Iveta Apkalna.

Weitere Highlights des Festivals sind u.a. ein Liederabend mit Jonas Kaufmann, Orchesterkonzerte mit den Münchner Philharmonikern sowie dem Bruckner Orchester Linz oder die klassische Klangwolke am 22. September. Der erste Programmpunkt war – bereits vor der offiziellen Eröffnung – ein Geburtstagskonzert für den Namensgeber am 4. September in der Pfarrkirche von Ansfelden, dem Geburtsort des Komponisten. Das Klassik-Festival endet dann an Bruckners Todestag am 11. Oktober, wenn in der Basilika St. Florian, wo er begraben ist, Mozarts c-moll-Messe und das Requiem aufgeführt werden.