Bruegel im KHM war Pflichttermin für Russlands Kunstfans

Um 1 Uhr früh ist am Montag die große Bruegel-Retrospektive im Kunsthistorischen Museum Wien (KHM) zu Ende gegangen. Die “Once in a lifetime”-Schau wird insbesondere auch in Russland in Erinnerung bleiben: In den vergangenen Jahrzehnten hat es keine Ausstellung außerhalb Russlands gegeben, die in einem ähnlichen Ausmaß das russische Kunstpublikum begeistert und erfolgreich angezogen hat.

Die Karten für die extra angesetzte Abend- und Nacht-Öffnung am letzten Ausstellungs-Wochenende waren innerhalb weniger Minuten ausverkauft. Etwa 1.000 Kunstbegeisterte erhielten am Sonntagabend noch eine allerletzte Chance, sich diese größte Schau zum Werk von Pieter Bruegel d.Ä anzusehen. Glück hatte unter anderem eine russische Familie, deren Interesse an diesem Abend ausschließlich der Kunst galt: “Wir haben nur noch 30 Minuten und wollen uns alle Bilder ansehen”, bat der Familienvater gegenüber der APA um Verständnis, keine Fragen beantworten zu wollen.

“Wir werden insgesamt etwa 400.000 Besucher haben. Das ist die höchste Zahl, die wir je bei einer Ausstellung hatten”, erklärte KHM-Direktorin Sabine Haag vor Journalisten am Sonntag. Im Durchschnitt stammten sechs Prozent der Gäste aus Russland, sagte sie. Tausende Russen dürften wegen Bruegel eigens nach Wien gereist sein. Obwohl konkretere Statistiken noch nicht vorliegen, gab es im Museum selbst keinen Zweifel, dass der russische Besucheranteil bei der Bruegel-Schau deutlich höher lag. Haag selbst sah dies im Zusammenhang mit einer traditionellen Museumsaffinität der russischen Bevölkerung, sowie mit professionellen Tourismus- und Marketingaktivitäten. Sie sprach aber auch von der Kooperation des KHM mit der Eremitage in St. Petersburg, die im Juni Russlands Präsidenten Wladimir Putin in ihr Museum geführt hatte.

Letzteres dürfte freilich kaum eine Rolle für den sensationellen Erfolg dieser Schau in Russland gespielt haben. “Wenn es in Russland schlecht läuft und alles immer repressiver wird, dann suchen Intellektuelle einen Ausweg. In der aktuellen Situation ist Bruegel und Wien ein solcher Ausweg”, erklärte die bekannte russische Politikjournalistin Jewgenija Albaz im Museum am Sonntagabend gegenüber der APA.

Während Albaz über den Hochzeitsbesuch des russischen Präsidenten bei Außenministerin Karin Kneissl (FPÖ) bestens Bescheid wusste, hatte sie – wie wahrscheinlich die meisten Bruegel-Interessierten aus Russland – vom Museumsbesuch Putins zuvor nichts gehört. Dabei war das russische Staatsoberhaupt just im KHM von der österreichischen Außenministerin zur Hochzeit eingeladen worden.

Nach sehr positiven Besprechungen in Russlands Medien waren anfängliche Impulse ausgerechnet aber auch von einem führenden Oppositionspolitiker gekommen. Obwohl er keinesfalls als kunstaffin gilt, war Aleksej Nawalny Ende Oktober mit seiner Familie nach Wien gereist und hatte die Ausstellung in Folge als absoluten Pflichttermin beworben: “Die Bruegel-Schau ist wirklich fantastisch. So eine Schau wird es 50 Jahre lang sicher nicht mehr geben. Ich war begeistert. Wenn es die Möglichkeit gibt, dann entscheiden sie sich und fahren. Tickets nach Wien sind nicht teuer. Und sie sind es wert”, schrieb Nawalny an mehr als 400.000 Abonnenten auf Facebook.

Aber gerade auch zahlreiche wichtige Multiplikatoren des russischen Kulturbetriebs posteten begeistert in sozialen Netzwerken. Sie sorgten damit für einen “Hype”, den es in dieser Intensität in Russland bisher nur äußerst selten und ausschließlich für inländische Ausstellungen gegeben hatte. Zuletzt war dies 2015 bei einer Ausstellung des russischen Malers Walentin Serow in der Moskauer Tretjakow-Galerie der Fall gewesen.

Kunst- und Filmkritiker, Kuratoren, Museumsvertreter und Journalisten vermittelten jedenfalls auf Facebook in den letzten Wochen den Eindruck, dass ganz Russland sich im Wiener Museum die Klinke in die Hand gibt. “Mir scheint, dass ich der einzige in meinem Umfeld und unter meinen Facebook-Freunden bin, der nicht in der Ausstellung war”, erklärte Ilja Dorontschenkow, Professor für Kunstgeschichte an der Europäischen Universität in St. Petersburg, am Wochenende gegenüber der APA.

Für den russischen Andrang im KHM sah der renommierte Kunsthistoriker vielfältige Gründe: Bruegel sei einer der wichtigsten Künstler der spätsowjetischen Intelligenzija gewesen und dies wirke weiterhin nach. Mitverantwortlich für diese Popularität sei Kinoregisseur Andrej Tarkowski, der in seinem Spielfilm “Solaris” (1972) ausführlich “Die Jäger im Schnee” zeigte. Das Gemälde war in Wiener Ausstellung ein besonderer Anziehungspunkt, viele Russen erinnert es an ihre winterliche Heimat.

Dorontschenkow erinnerte aber auch an seinerzeit begehrte Bruegel-Bildbände sowie an ein bekanntes Gedicht, in dem sich die populäre Dichterin Nowella Matwejewa in den späten Sechzigerjahren mit dem Maler beschäftigte. Bruegels Werk selbst ist in russischen Kunstsammlungen nicht vertreten.

Eine wichtige Rolle hätte auch aus russischer Perspektive die Tatsache gespielt, dass die Ausstellung als “einzigartig” angekündigt worden sei, sowie eine One-Man-Show ohne komplexe Konzeption gewesen sei, betonte Dorontschenkow. Nicht zuletzt seien aber auch Wiens Ruf als “Kulturhauptstadt” sowie die günstige Flugverbindungen aus St. Petersburg oder Moskau relevante Faktoren gewesen.

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