brut Wien 2020/21 mit Kapitalismuskritik, Kreisky und Körper

Vorerst heißt es für das Koproduktionshaus brut Wien weiter: mobil bleiben! Schließlich zieht man erst im nächsten Jahr in die neue temporäre Spielstätte in einer Halle in der Nordwestbahnstraße, bevor 2024 schließlich das renovierte Bankhaus in St. Marx eine finale Lösung bringt. Den vollen Spielplan präsentierten brut-Leiterin Kira Kirsch und Geschäftsführer Richard Schweitzer am Montag.

Auf dem Programm stehen “kritische Reflexionen zur aktuellen Politik, zum Erbe des Roten Wien und zur Ära Kreisky, queere und politische Perspektiven auf Körperlichkeit und Tanz und Grenzgänge zwischen den künstlerischen Disziplinen und Formaten”, wie es in den Presseunterlagen heißt. Dabei gibt es ein Wiedersehen mit bereits bekannten Namen, darunter die Rabtaldirndln, toxic dreams oder Gin Müller. Aber auch einigen Newcomern bietet man eine Bühne. Zusätzlich werden Teile des im März aufgrund der Coronakrise abgesagten “imagetanz”-Programms nachgeholt.

Hat man in den vergangenen drei Jahren der Wanderschaft – aufgrund der Renovierung des Künstlerhauses, in das man nun nicht zurückkehren wird – bereits rund 90 Spielstätten erkundet, kommen im Herbst nun einige dazu: Insgesamt werden 14 Orte in acht Wiener Bezirken in Theaterbühnen verwandelt, darunter die Generali Arena, das Casino Baumgarten, das derzeit leer stehende Volx des Volkstheaters oder das Naturhistorische Museum. Der Schwerpunkt der Veranstaltungen liegt allerdings in Rudolfsheim-Fünfhaus, wo nicht nur die Erbsenfabrik und die Gegend rund um den Schwendermarkt bespielt wird, sondern auch der große Saal in der Volkshochschule.

Die brut-Saisoneröffnung macht am 3. Oktober am Schwendermarkt eine “Action-Movie-Performance” der Rabtaldirndln, in der Oligarchen, Kasinobesitzer und Immobilienhaie “die Zukunft des Landes verspielen”. “Wie reagiert der Körper auf Hassparolen, und wie bleibt man handlungsfähig, wenn einem der Atem stockt?” Dieser Frage geht Claudia Lomoschitz in der Performance “Soft Skills” ab 10. Oktober im studio brut in Wien-Neubau auf den Grund. Einen “intimen und sensiblen Dialog” zwischen Mensch und Material bietet Asher O’Gorman mit “the way of ink” ab 15. Oktober im brut in der Erbsenfabrik. Tags darauf folgt ein “künstlerisches und soziales Experimentierfeld zwischen bildender Kunst und Choreografie”: Unter dem Titel “The Score” schafft die Performance-Künstlerin Karin Pauer gemeinsam mit Kollegen eine “choreografische Partitur” am Schwendermarkt.

In “Living Documents I-V” von Dominik Grünbühel und Charlotta Ruth geht es “um den widersprüchlichen und dennoch weitverbreiteten Wunsch, Tanz und Performance zu dokumentieren”. In einem Rundgang kann das Publikum fünf unterschiedliche, live geloopte choreografische Installationen besuchen und “dabei den scheinbar trockenen Akt der Dokumentation als einen lebendigen, kommunikativen Prozess erleben”: Zu erleben am 17. und 18. Oktober am Schwendermarkt. Ab 22. Oktober erkundet der Choreograf und Tänzer Simon Mayer in seiner neuen Performance “Being Moved” verschiedene Zustände des “Bewegens” (brut im Ankersaal), im Volx widmet man sich ab 24. Oktober der Wut.

“The Art of Asking Your Boss for a Raise” nennt sich das neue Stück von toxic dreams: Das Kollektiv verspricht eine “mit Momenten von Slapstick angereicherte Komödie, eine nachdenkliche Reflexion über das Leben im Algorithmus und das Vergehen von Zeit” (ab 3. November am Schwendermarkt). Eine “hypnotische und spannungsgeladene Atmosphäre” kreiert Inge Gappmaier ab 12. November im Studio brut in ihrem Tanzstück “protect.”, in dem sie ein Duett mit sich selbst inszeniert. 100 Jahre nach der Geburt des “Roten Wien” verwandelt sich schließlich ab 19. November der Saal der Volkshochschule Rudolfsheim-Fünfhaus in den Schauplatz von “Sodom Vienna” von Denice Bourbon und Gin Müller. Im Dezember präsentiert das Kollektiv Nesterval in der Generali Arena mit “Goodbye Kreisky” eine Fortsetzung der Onlineproduktion “Der Kreisky-Test”. Bis Ende Februar stehen noch zahlreiche weitere Produktionen auf dem Programm, bevor man dann in die fixe Spielstätte in Wien-Brigittenau übersiedelt, die bis Ende 2023 die temporäre neue Heimat des brut Wien wird.

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