brut Wien bespielt nun den Nordwestbahnhof

„Zwischen der Vergangenheit, die verschwindet und der Zukunft, die sich erst gestaltet“ startet das Koproduktionshaus brut Wien am Nordwestbahnhof in eine weitere Zwischennutzung, bis 2024 die neue Location in St. Marx bezogen werden kann. Nach der Erprobung der Location durch die Wiener Festwochen eröffnet man nun am 1. Oktober. Die künstlerische Leiterin Kira Kirsch präsentierte die Pläne am Dienstag in der alten Industriehalle, die eine Blackbox als Theaterraum beherbergt.

„Wir haben das Wissen des Herumziehens genutzt und aus diesem Industrieraum einen Theaterraum gemacht“, freute sich Kirsch über die 1.600 Quadratmeter große Halle auf dem Areal des Stadtentwicklungsgebiets, das ab 2024 sukzessive bebaut werden soll. Da man im Corona-Jahr 2020 „neue Wege des Produzierens“ beschritten habe, starte das brut nordwest mit einem „minimalen Rückstau“ von zehn Produktionen in die neue Spielzeit, die dadurch etwas dichter als üblicherweise ausfällt.

Den Auftakt macht am Eröffnungswochenende im großen Theatersaal (die Blackbox misst 15 mal 25 Meter und ist damit sogar größer als der Theaterraum in der früheren Spielstätte im Künstlerhaus) das Wiener Performancekollektiv toxic dreams mit der Premiere von „The Art of Asking your Boss for a Raise“, in der das Publikum in eine anonyme Konzernwelt entführt wird. Kirsch versprach eine „mit Slapstick-Momenten angereicherte Komödie, eine nachdenkliche Reflexion über das Leben im Algorithmus und das Vergehen von Zeit“. Gespielt wird von 1. bis 8. Oktober jeweils um 20 Uhr.

Die Indoor-Fläche rund um die Bühne wird mit einer filmischen Installation der isländischen Performerin Andrea Gunnlaugsdottir bespielt. Ihr Kurzfilm „Airy Matters“ – in dem es bezeichnender Weise um den Wert von Luft geht – ist jeweils eine Stunde vor Vorstellungsbeginn zu erleben. Flankiert wird der Eröffnungsreigen von einer Ausstellung des Duos Sööt/Zeyringer mit dem Titel „Connecting Views“ und der Lichtinstallation „This Place is intentionally left blank“ der Künstler Lasse Mouritzen und Frida Robles an der Außenfassade in der Nordwestbahnstraße 8-10.

Von 14. bis 17. Oktober zeigt die junge Choreografin Sara Lanner ihr neues Stück „Mining Minds“, in dem sie vom Bergbau ausgehend einen Bogen „in unsere globale Gegenwart, zu Data-Mining und zur Ausbeutung von Körper und Geist“ schlagen will, wie sie bei der Pressekonferenz erläuterte. Ab 21. Oktober widmet sich der*die Künstler*in Lau Lukkarila in „kneading to the 3rd millennia“ der Frage, „was Menschen benötigen und was das dritte Jahrtausend von uns braucht“, wie er*sie ausführte. Ab 3. November steht dann die Geburt des Roten Wien im Fokus, wenn das Kollektiv Sodom Vienna rund um Denice Bourbon und Gin Müller die „glamourösen 20er“ in einer Revue untersuchen.

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Zu den weiteren geplanten Premieren zählen u.a. das Stück „Immortality Day“ von Oleg Soulimenko (12./13. November), das Bühnensolo „TANK“ von Doris Uhlich im Naturhistorischen Museum (17.-19. November) oder „Bones & Wires“ von Simon Mayer, in dem „Ebenen der Verbundenheit“ untersucht werden. Im Dezember stehen dann Performances von Willi Dorner, Olivia Mitterhuemer und Farah Deen sowie ein neues Projekt von Georg Blaschke und Jan Machacek auf dem Programm. Im Andenken an den im Sommer verstorbenen Daniel Aschwanden präsentiert Lucie Strecker bereits am 7. Oktober in der Universität für angewandte Kunst eine posthume Arbeit des Choreografen, Performers und Künstlers.

Für 2022 sind etwa neue Arbeiten von Nesterval („Sex, Drugs & Budd‚n‘Brooks“), ein Solostück von Veza Fernandez oder Stefanie Sourials Performance „City of Diaspora“ angekündigt. Wie künstlerische und kuratorische Strategien die Stadt-Gesellschaft involvieren können, ist Thema der zweiteiligen Konferenz „Überschreiten und Übereignen: Urbane Dramaturgien, kuratorische Praxen, erweitere Räume“, deren zweiter Teil von 18. bis 20. November in Wien stattfindet.

Einen kurzen Rückblick auf die vergangene Saison gab Geschäftsführer Richard Schweitzer: Dank der Corona-Hilfen wie Kurzarbeit und Umsatz-Ersatz habe man das Jahr 2020 relativ unbeschadet überlebt, für 2021 können diesbezüglich noch keine Angaben gemacht werden. „Es könnte aber sein, dass 2021 ein viel schwerwiegenderes Jahr sein könnte“, so Schweitzer in Anspielung auf auslaufende Förderungen. Erfreut zeigte er sich, dass man es ermöglichen konnte, durch die Adaptierung von Projekten versprochene Künstlerhonorare auszahlen zu können. Insgesamt fanden so in der vergangenen Saison 48 Projekte in 128 Einzelveranstaltungen statt, die von 5.000 Live-Besuchern gesehen wurden. Weitere 15.000 Zuschauer wurden auf digitalen Kanälen im Nachgang erreicht. Die so entstandene Internationalität des Publikums sei auch ein Grund, dass man auch künftig verstärkt auf digitale Angebote setzen will. Nicht vom Tisch ist auch die Idee, vorhandene Räumlichkeiten der freien Szene als Proberäume zur Verfügung zu stellen, die konkrete Umsetzung befinde sich jedoch aufgrund einiger rechtlicher Probleme noch in Arbeit.

(S E R V I C E – Infos unter )

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