Bürgerliche Welt und Tabus

Bernhard Schlinks Kurzgeschichten in „Abschiedsfarben“

Bernhard Schlink: Abschiedsfarben. Diogenes, 240 Seiten, 24,70 Euro
Bernhard Schlink: Abschiedsfarben. Diogenes, 240 Seiten, 24,70 Euro © Diogenes Verlag

„Sein Schreiben war Flucht, er wusste es, und er wusste auch, dass er das Leben nur bestand, weil er es floh.“ Bernhard Schlink schreibt sehr gute Sätze, manchmal nah an der Plattitüde. (Vermessen wär´s, nur „unverbrauchte“ Sätze, frei von Klischees schreiben zu wollen.)

Schlink siedelt neun Kurzgeschichten im bürgerlichen Milieu an, das er ausgezeichnet zu kennen scheint. Wohlbestalltes Bürgertum mit oft unausgesprochenen Regeln, feines Neurosengeflecht, unter der sanft blubbernden Oberfläche menschliche Ritzen und Abgründe.

Zentral die Erzählung „Geschwistermusik“, worin sich humanistisch gebildetes Bürgertum an Idyllen des 19. Jahrhunderts ergötzt. Das Geschwisterpaar Mendelssohn Bartholdy die Folie (samt zur feministischen Ikone hochgejazzter Fanny), Schlink lässt nach Jahrzehnten eine Jugendliebe aufflackern, die sich nicht erfüllte. Soziale Hierarchien spielten eine Rolle, noch mehr lastet eine schwere Schuld aus Kindertagen. Der unlösbare Beziehungsknäuel mündet in minimalistischen Schlussdialog. „Ich will …“, sagt er, darauf sie: „Ich weiß.“ — Klassisch-bürgerliche Dezenz.

Vergangenheit und Erinnerung als Thema

Das Thema Vergangenheit und Erinnerung beschäftigt Schlink, 1944 bei Bielefeld geboren, seit seinen Anfängen als Schriftsteller 1987. „Der Vorleser“, 1995 erschienen, war ein internationaler Bestseller, Schlinks bislang letzter Roman „Olga“ (2018) eine famose literarische Bearbeitung von mehr als einhundert Jahren deutscher (Gewalt-)Geschichte.

In der Sammlung „Abschiedsfarben“ werden Fragestellungen persönlicher, kreisen um Abschiednehmen und Loslassen. Das geht auch federleicht wie in „Der Sommer auf einer Insel“: Strandurlaub von Mutter und Sohn 1957, das erotische Erwachen des Knaben, parallel ein Liebesabenteuer der Mutter. Wunderschön erzählt darüber, was sich nicht festhalten lässt, was dennoch als sanfte Melodie das Leben begleitet.

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Einiges an Erzähltechnik hat sich Schlink von US-Vorbildern der Short Story abgeschaut. Geschickt baut er Black Boxes ein und blinde Flecken — was wir von anderen nicht wissen oder über uns selbst. „Höflich“, doch zielstrebig erkundet Schlink Tabus. Den Inzest umkreist er in „Geliebte Tochter“, verhaspelt sich gegen Ende aber in einer Abschweifung zwischen Bibel und Thomas Mann. Die Frage, den Zeitpunkt des eigenen Todes selbst zu bestimmen, verhandelt Schlink nuanciert in „Daniel, my Brother“: eine Liebe, bis in den Tod vereint.

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