Buh-Chor für Bieitos „Tristan und Isolde“ an der Staatsoper

Ostern ohne „Parsifal“ an der Staatsoper war lange ähnlich unvorstellbar wie Ostern ohne Gottesdienst im Stephansdom. Nachdem die Publikumspremiere für das Bühnenweihfestspiel coronabedingt aber erst im Dezember stattfand, trat nun das Undenkbare ein. Immerhin wurde Gründonnerstag dafür ein anderer Wagner gegeben – die Premiere von „Tristan und Isolde“ in der Inszenierung von Calixto Bieito. Und am Ende wehte mehr als ein nur laues Buh-Lüftchen durch die weiten Hallen.

Dabei hat der Spanier, seit vielen Jahren mit dem ambivalenten Titel des „Skandalregisseurs“ bedacht, keineswegs eine skandalöse Inszenierung auf die Bühne der Staatsoper gebracht. Allenfalls eine inkongruente, die ihre Stärken bisweilen selbst konterkariert. Streckenweise gelingen dem 58-jährigen Bieito sinnhafte Symbolbilder für das Seelenleid seiner Figuren, bisweilen lässt er sie hängen – im Wortsinn.

So hängen Martina Serafins Isolde und Andreas Schagers Tristan bereits am Beginn der 1865 uraufgeführten Liebesekstase in den Seilen – respektive sitzen auf den daran befestigten, von der Decken hängenden Riesenschaukeln. Sie werden dabei flankiert von Kindern, die mit ihren Augenbinden den Gemälden von Gottfried Helnwein entsprungen zu sein scheinen. Und während Isolde trocken bleibt, wälzt sich Tristan in den Wasserbecken am Bühnenboden. Kneippen ist ja gesund, an dieser Stelle jedoch ein althergebrachtes Stilmittel.

Zugleich erweist Bieito hier sein Geschick in der Personenführung, hält er alle Figuren doch präsent auf der Bühne, gruppiert sie zu Spielkonstellationen. So wird die von Isolde geschilderte Vorgeschichte der beiden Liebenden plastisch dargestellt, Zeitebenen überlagert. Bieito entkoppelt Handlung und Handeln, setzt Gesungenes und Gespieltes frei nebeneinander, analog zu Richard Wagner, der letztlich im „Tristan“ sein Augenmerk von der Handlung des Stücks auf die Bewegungen im Inneren der Charaktere gerichtet hat.

Dass Fernbeziehungen ermüdend sein können, weiß man – und Bieito schafft im 2. Aufzug anders als zum Auftakt ein stimmiges Sinnbild der unüberwindlichen Distanz zwischen den beiden Liebenden, indem er diese in zwei schwebenden Räumen positioniert. Diese werden von den beiden im hormonellen Aufruhr der Gefühle zerlegt wie die Konventionen, die sie repräsentieren. Wenn Tristan zu „Im Dunkel du, im Lichte ich“ dann jedoch eine Schreibtischlampe mehrfach aufleuchten lässt, ist die Grenze zur unfreiwilligen Komik überschritten.

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Die ästhetische Dissonanz erscheint hier umso größer, als die Grundtonalität dieses „Tristan“ im Dunklen gehalten ist, Schatten an der Wand bisweilen die einzige Lichtimpression darstellen. Bieito positioniert seine Figuren als Nachtgestalten, im Nebel der Gefühle und im de facto Nebulösen gefangen. Einzig ein paar wie oft bei Bieito eingesetzte Nackte gruppieren sich im 3. Aufzug zu Metaphern der Liebe und bilden ansonsten als Popoparade einen hübschen Bühnenabschluss.

Auch ohne blank zu ziehen ziehen aber auch dann die beiden Hauptproponenten des Abends die Blicke auf sich. Andreas Schager, der mit Vollbart mittlerweile Jonas Kaufmann ähnelt, weiß ungeachtet kleinerer Ermüdungsmomente seinen Tristan als sichere Bank mit offenem Tenor zwischen strahlendem Heldentum und verschattetem Dunkel zu gestalten. Martina Serafin, die wie ihr Kollege in der Staatsoper mit ihrer Rolle erstmals zu erleben war, spiegelt mit kopflastigem, scharfen Timbre die Positionierung ihrer Isolde im 1. Aufzug als Furie und weiß sich doch zur Sehnenden zu wandeln, auch wenn ihre „Verklärung“ am Ende weniger ätherisches Versinken denn strenge Adoration ist.

Die Nebenrollen wie Ekaterina Gubanovas, als treu-besorgte Dienerin gestaltete Brangäne und der nicht nur unauffällig gekleidete Marke von Starbass René Pape bleiben bei Bieito indes Stichwortgeber. Einzig der Kurwenal Iain Patersons schwingt sich im 3. Aufzug zum berührend mitfühlenden Freund auf und gewinnt an Tiefe.

Unbestritten war am Abend dagegen die bereits während der Aufzüge ostentativ bejubelte Leistung von Musikdirektor Philippe Jordan mit dem Staatsopernorchester. Eine sehr feine, streckenweise zurückgenommene Deutung lässt Raum für Phrasierungen, die dem orgiastischen Klangschwall Konturen geben und zugleich nicht vor der Ekstase zurückschrecken. Hier gelingt die Verbindung aus Einzelmomenten mit einem großem Bogen, an der Bieitos Deutung krankt.

(S E R V I C E – „Tristan und Isolde“ von Richard Wagner an der Staatsoper, Opernring 2, 1010 Wien. Musikalische Leitung: Philippe Jordan, Inszenierung: Calixto Bieito, Bühne: Rebecca Ringst, Kostüme: Ingo Krügler. Mit Tristan – Andreas Schager, Marke – René Pape, Isolde – Martina Serafin, Kurwenal – Iain Paterson, Brangäne – Ekaterina Gubanova, Melot – Clemens Unterreiner, Hirt – Daniel Jenz, Steuermann – Martin Häßler, Stimme des Seemanns – Josh Lovell. Weitere Aufführungen am 18., 22. und 27. April sowie am 1. Mai. )

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