„Bundesheer als System wieder hochfahren“

Militärkommandant Dieter Muhr über Aufgaben, Finanzen und die Zukunft des Heeres

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Muhr4.jpg © BMLV/Mickla

VOLKSBLATT: Sie sind jetzt seit gut 100 Tagen mit der Führung beauftragter Militärkommandant in Oberösterreich – ist alles wie erwartet, oder gab es auch Überraschungen?

MUHR: Im Prinzip gibt es im militärischen Führungsbereich keine Überraschungen für mich. Es gibt nichts, was ich nicht erwartet hätte. Positiv anmerken möchte ich, dass das Umfeld des Bundesheeres im Land, also Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Bevölkerung sowie Forschung, Kultur und Bildung keine Berührungsängste oder Vorbehalte gegen einen haben. Das ist nicht überall so. Die oberösterreichische Gesprächskultur des Miteinander ist die größte Freude, wenn man wieder im Hoamatland ist.

Hat Ihr Bezug zu Oberösterreich eine Rolle gespielt, Sie leben ja mit Frau und vier Kindern in Kronstorf?

Natürlich. Ich bin seit 25 Jahren Wochenpendler und dazwischen in Auslandsverwendungen und –einsätzen gewesen. Meine Verbindung zu Oberösterreich war und ist immer intensiv. Ich kenne das Land sehr genau. Als Militärkommandant bin ich meiner Familie, meiner Frau und meinen Kindern, sehr nahe. Vor allem kann ich meine berufstätige Frau entlasten, die über Jahre Vieles alleine gestemmt hat.

Wie schlecht ist es wirklich um das Österreichische Bundesheer bestellt — finanziell und auch personell? Kann man eine Reihung der zu stopfenden Löcher machen?

Das Bundesheer wurde als System heruntergefahren und muss als System wieder hochgefahren werden, wenn man das möchte. Man wird beim Sanieren bei Null beginnen müssen. Doch das bietet auch Chancen. Man kann überkommene Strukturen, Methoden und Material hinter sich lassen und neu beginnen. Die nächsten Jahre wird uns beschäftigen, dass wir die Basisleistung aufrechterhalten können. Durch die finanziellen und personellen Engpässe wird es schwierig werden, Essen, Verpflegung, Materialerhaltung, Transport, Stellung, ärztliche Versorgung, Fliegen, Bauen, Infrastruktur, etc. aufrechtzuerhalten. Da müssen neue Lösungen gefunden werden.

Wie geht es eigentlich mit der Stellungsstraße in Oberösterreich weiter — ist diese in Gefahr?

Gefahren kann man niemals ausschließen. Die Kaserne in der Garnisonsstraße ist die letzte Kaserne in der Landeshauptstadt Linz. Das sollte man bedenken. Wenn man Sicherheits- oder Rettungskräfte wegen eines Einsatzes in Linz zusammenziehen muss, dann eignet sich dieser Standort dafür. Dort können Polizei, Feuerwehr, Rettungsorganisationen, etc. ihr Personal versorgen, Fahrzeuge tanken, sich bereithalten.

Ist das Bundesheer für Hilfseinsätze wie bei Hochwasser oder auch im Winter gerüstet?

Das Bundesheer ist dafür gerüstet. Aber nicht mehr in dem Umfang, wie es die letzten Jahre war und wie es die Bevölkerung in Erinnerung hat. Vor dem Hintergrund der finanziellen und personellen Möglichkeiten wird es immer schwieriger. Gleichzeitig geht man davon aus, dass die Bedrohungen, beispielsweise durch den Klimawandel, größer werden.

Ihr Stützpunkt ist der Fliegerhorst Vogler in Hörsching — gibt es eine kostengünstige Möglichkeit zur Luftraumüberwachung, die auch Spielraum für andere Finanzierungslücken beim Heer lässt?

Wir haben eine aktive und eine passive Komponente für die Luftraumüberwachung. Wir haben eine Variante. Zu kostengünstigeren Varianten der Luftraumüberwachung äußere ich mich nicht. Da bin ich kein Experte.

Ist die Cyberabwehr eher eine finanzielle oder eine personelle Herausforderung? Wie kann man diese am besten bewältigen?

Weder noch. Meiner Ansicht nach ist sie viel mehr eine rechtliche und hernach eine politische Herausforderung. Bei einer Cyberattacke stellt sich immer die Frage: Woher kommt sie? Wer steckt dahinter? Mit geringen technischen Mitteln kann man den Ursprung eines Angriffes unentdeckbar machen. Es ist kaum möglich die Personen, die dahinterstecken, zu identifizieren, zu überführen und zur Rechenschaft zu ziehen. Kommt man rechtlich nicht weiter, dann wird die Gesellschaft über kurz oder lang die Politik fordern, auf Attacken zu reagieren und mit ihnen entsprechend umzugehen.

Sie waren lange in Wien stationiert und kümmerten sich dort um den Aufbau der fast zu Fall gebrachten Militärschule Wr. Neustadt — welche Erfahrungen nehmen sie daraus mit?

Die Sicherheitsschule in Wiener Neustadt war ein Vorhaben aus dem Regierungsprogramm der letzten Regierung. Dort wurde der Bedarf erkannt und artikuliert, eine Schule zu etablieren, welche auf Ordnung, Disziplin, Sport, Fremdsprachen und Auslandserfahrungen Wert legt. Sie ist eine öffentlich- rechtliche Handelsakademie mit dem Schwerpunkt Sicherheit mit Themen wie Risikomanagement, Krisenmanagement, Führungsfähigkeit. Diese Schulform kann einen erheblichen Bedarf bei Verwaltung, Wirtschaft und Industrie abdecken. Das ist meine Erfahrung.

Sie hatten auch Einsätze im Ausland — wo waren Sie überall und kann man Vergleich mit Österreich ziehen?

Meine Folgerungen aus dem Westbalkan, dem Nahen Osten und vielen anderen Regionen sind folgendermaßen: Wehret den Anfängen! Unsicherheiten muss man rasch und gezielt entgegensteuern und negative Auswirkungen auf einen verhindern. Da muss man sich oftmals auf sich selbst verlassen können. Denn: Wenn ein Land einmal in Schieflage gerät, sich die Nachbarn oder die Großmächte einzumischen beginnen, dann wird es sehr schwierig bis unmöglich, das Schlimmste zu verhindern. Das wird uns jeden Tag über die Medien vor Augen geführt. Sicherheit soll und muss uns etwas wert sein.

Dieter Muhr wurde am 3. November 1962 in Wien geboren. Er besuchte die Volksschule und Gymnasium in Wien. Werdegang beim Bundesheer: Offiziersausbildung an der Theresianische Militärakademie in Wiener Neustadt; Universitätslehrgang zum Akademischen Wehrpädagogen an der Universität Linz; 15. Generalstabslehrgang an der Landesverteidigungsakademie in Wien. Zwei Mal Österreichischer Nationaler Kontingentskommandant in Bosnien und Herzegowina und Abteilungsleiter für Joint Military Affairs im Hauptquartier von EUFOR in Sarajevo. Dieter Muhr lebt seit 1998 in Kronstorf (Bezirk Linz-Land) und hat mit Gattin Kerstin vier Kinder – die Drillinge Anna, Lena und Nina sowie Sohn Fabian. Seine Familie stammt übrigens aus Steyr, Lambach, Stadl Paura. Sie musste nach dem Krieg aus wirtschaftlichen Gründen nach Wien gehen.

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