Bunte Kuverts und eine Frauenpartei

Vor 100 Jahren wurde das allgemeine — und damit auch für Frauen gültige —Wahlrecht eingeführt. Was heute selbstverständlich erscheint, musste von Frauenrechtlerinnen hart erkämpft werden. Im Februar 1919 wählten Frauen zum ersten Mal in Österreich und acht weibliche Abgeordnete zogen in die Konstituierende Nationalversamlung ein. Die heute übliche Wahltagsbefragung hat man sich erspart: Dank verschiedenfarbiger Kuverts bzw. Stimmzettel wusste man bei den ersten Stimmabgaben von Frauen 1919 sehr gut Bescheid über deren Wahlverhalten.

Die ersten weiblichen Abgeordneten © ÖNB-Bildarchiv/picturedesk.com, VGA

Ende des 19. Jahrhunderts formierten sich Frauenbewegungen, die sich für das Frauenwahlrecht einsetzten und dies bereits 1891 auch in einer Petition an den Reichsrat verlangten. Der erste politische Frauenverein im engeren Sinne entstand auf Seiten der bürgerlichen Frauen 1893 mit dem „Allgemeinen Österreichischen Frauenverein“, gegründet von Auguste Fickert. 1902 gründete Marianne Hainisch — die Mutter des späteren ersten Bundespräsidenten der Ersten Republik Michael Hainisch — den Bund Österreichischer Frauenvereine, der eine Dachorganisation darstellen sollte und forderte die Einführung des Frauenstimmrechtes. Auf sozialdemokratischer Seite gilt Adelheid Popp als Pionierin im Kampf um das Frauenwahlrecht.

Schon vor der Einführung des Frauenwahlrechts waren manche Frauen wahlberechtigt: Im 19. Jahrhundert gab es auf Gemeindeebene das Zensuswahlrecht, geknüpft an den Grundbesitz. Wer Grund und Boden hatte, sollte auch mitbestimmen, in der Praxis haben Frauen aber nie das Wahllokal betreten, sondern mussten ihren Stimmzettel dem Mann oder Sohn mitgegeben. Einzig reiche Witwen durften sich ausnahmsweise im Wahllokal aufhalten.

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Nicht zur Wahl zugelassen waren Prostituierte

Das allgemeine Wahlrecht für Frauen jedoch wurde zugunsten eines allgemeinen und gleichen Männerwahlrechtes immer wieder zurückgestellt. Die Argumente und Befürchtungen, mit denen es verhindert werden sollte, waren vielfältig. So hieß es etwa, dass die Frauen noch nicht so weit seien oder es der weiblichen Natur widerspreche. Allem Widerstand zum Trotz setzten sich 1918 die Frauen und Befürworter mit ihrer Forderung aber durch, denn angesichts ihres Einsatzes in der Kriegshilfe und -industrie konnten den Frauen politische Rechte nicht länger verwehrt werden: Das Wahlrecht wurde mit der Ausrufung der Republik am 12. November 1918 gewährt (im „Gesetz über die Staats- und Regierungsform von Deutschösterreich“). Am 18. Dezember erging die Wahlverordnung und im darauffolgenden Februar konnten Frauen ihr neu gewonnenes Recht auch zum ersten Mal ausüben.
Eine Gruppe von Frauen war aber bei der ersten Wahl weiterhin nicht zugelassen: Prostituierte hatten — im Gegensatz zu ihren männlichen Freiern — vorerst kein Recht, den jungen Staat mitzugestalten. In die 1920 beschlossene Verfassung wurde das aber nicht übernommen.

Mit dem Beschluss des Frauenwahlrechts vor 100 Jahren wurde auch die Altersgrenze beim allgemeinen Wahlrecht von 24 auf 20 Jahre gesenkt. Damit sollte jenen, die Kriegsdienst geleistet hatten, auch der Urnengang ermöglicht werden. Die Christlichsozialen sowie die Deutschnationalen forderten, dass Frauen erst ab 30 Jahren wählen dürfen, denn sie waren, da viele Männer im Krieg gefallen waren, in der Mehrheit, erklärte Politikwissenschafterin Tamara Ehs von der Universität Wien im APA-Gespräch. Frauen stellten 54 Prozent der Wahlberechtigten, eine Tatsache, die die Parteien verunsicherte, fürchteten sie doch damit eine sozialdemokratische Mehrheit. Die Sozialdemokraten hatten das Frauenwahlrecht immerhin seit 1892 im Parteiprogramm.

Die höhere Altersgrenze für das weibliche Geschlecht setzte sich aber nicht durch — teils aber eine allgemeine Wahlpflicht, die der Landesgesetzgebung überlassen und in Tirol und Vorarlberg eingeführt wurde. Es zeigte sich, dass zwei Drittel der Frauen hier 1919 ohnehin konservativ wählten. Wien und nach den Volksabstimmungen Kärnten sowie das Burgenland waren Ausreißer, die Frauen stimmten hier wie die Männer mehrheitlich für die Sozialdemokraten. Insgesamt bewahrheitete sich die Befürchtung der Konservativen nicht: Frauen wählten höchstens zu 40 Prozent die Sozialdemokraten, so die Politikwissenschafterin. In der Ersten Republik stimmten sie überwiegend konservativ, vor allem dort, wo eine Wahlpflicht bestand.

Erstmals acht weibliche Abgeordnete im Parlament

Nach der ersten Wahl mit Frauenwahlrecht zogen acht weiblichen Abgeordneten, sieben Sozialdemokratinnen und eine christlichsoziale Politikerin in die Natonalversammlung ein. Das entsprach bei damals 159 Mandataren einem Frauenanteil von 5,03 Prozent. Eine weitere Frau rückte später nach.

Das Wählerverhalten in der Ersten Republik lässt sich gut nachvollziehen, denn während die Forscher heute auf Wahltagsbefragungen angewiesen sind, wurden damals unterschiedlich gefärbte Stimmzettel bzw. Kuverts verwendet. In der Vollzugsanweisung 1920 hieß es etwa: „Das Wahlkuvert wird für Männer aus lichtgrauem, für Frauen aus blaugrauem Papier hergestellt.“ Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden unterschiedliche Farben nur noch länderweise verwendet.

Die Wahlbeteiligung von Frauen war zunächst geringer als jene der Männer (1919: 82 bzw. 87 Prozent). Obwohl sie mehr Wahlberechtigte waren, nahmen sie das Recht weniger in Anspruch. Heute ist dieses Verhältnis übrigens ausgeglichen.
1929 wurde von Marianne Hainisch eine eigene Frauenpartei gegründet. Bei den Sozialdemokraten versuchten die Frauen innerhalb der Partei zu agieren, erklärte die Politikwissenschafterin. Ehs: „Die bis 1934 bestehende Frauenpartei hat nie ein Mandat errungen, aber es gab sie zumindest.“