Carinthischer Sommer mit Festrede von Liessmann eröffnet

Mit Konrad Paul Liessmann als Festredner ist am Freitagabend der Carinthische Sommer in Steindorf am Ossiacher See eröffnet worden. Intendant Holger Bleck zeigte sich glücklich, dass es gelungen sei, zwölf der ursprünglich 24 geplanten Konzerte auch zu realisieren. Liessmann philosophierte über das Motto “Feuertrunken”, das Wiener Jeunesse Orchester spielte Beethovens Sinfonie Nr. 1 C-Dur op. 21.

Bleck meinte bei der Eröffnung: “Wer hätte das vor Wochen sich getraut zu sagen, seit dem Pandemie-bedingtem Lockdown des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens weltweit und der schrittweisen Rückkehr zu einer – immer noch nicht vorhandenen – Normalität.” Es sei ihm eine Herzensangelegenheit gewesen, dass bei der Neuplanung des Festivalprogramms, wie es jetzt vorliegt, trotz wesentlicher Eingriffe in das Veranstaltungswesen die diesjährigen Festivalschwerpunkte sichtbar bleiben, meinte der Intendant und fügte hinzu, es gebe keine vernünftige Alternative zum Optimismus.

Liessmann machte sich anschließend Gedanken über den Begriff “Feuertrunken”: “Was für ein Wort! In der deutschen Sprache ist es bis zum späten 18. Jahrhundert unbekannt, und das legendäre Grimm’sche Wörterbuch verzeichnet nur zwei Fundstellen: In einer Novelle von Friedrich Müller, auch Maler Müller genannt, ist von einer ‘feuertrunknen Seele’ die Rede, und in Friedrich Schillers Ode ‘An die Freude’ betreten wir ‘feuertrunken’ das Heiligtum dieser Tochter aus Elysium.” So sparsam also dieser Neologismus verwendet wurde, so groß sei der Assoziationsreichtum, den er auszulösen vermöge. Da man bei diesem Wort automatisch die Verse Schillers und die Vertonung durch Ludwig van Beethoven im Ohr habe, tendiere man dazu, dieses Wort mit viel Pathos aufzuladen.

Der Philosoph beschrieb die zahlreichen Vereinnahmungsversuche von Beethovens Neunter durch verschiedenste politische Bewegungen. Die Symphonie sei zum “ideologischen Spekulationsobjekt ersten Ranges” geworden. Er wies aber auch darauf hin, dass Schiller seine Ode ursprünglich als Trinklied geschrieben habe: “Schillers Spitzname war nicht umsonst ‘Trinker’ gewesen, und das ‘feuertrunken’ bezeichnet weniger das Feuer der Rebellion, das den taumelnden Freunden durch die Seelen geronnen sein mag, als vielmehr das Brennen des Alkohols, der durch ihre Kehlen floss.”

Zudem kritisierte Liessmann, dass Schiller wenig Empathie gezeigt habe. Feuchtfröhliche Freundesrunden “kennen keine Einsamen, keine Außenseiter, keine Melancholiker, keine Unglücklichen. Diese werden verbannt.” Schillers Zeitgenosse Jean Paul habe dies aufgezeigt und Humanität eingefordert, die den Freudlosen in die Freude miteinschließe, die dem Einsamen eine Heimat biete, die den, der nicht mitfeiern könne, aus der fröhlichen Runde nicht verbanne. All dies gelte es zu bedenken, wenn man sich an Beethovens neunter Symphonie berausche.

Beethovens Neunte wird zum Festival-Abschluss am 29. August in der Ossiacher See Halle von Steindorf erklingen, gespielt vom Originalklangorchester Prisma Wien unter der musikalischen Leitung von Thomas Fheodoroff. Jahresregent Beethoven war beim Eröffnungskonzert aber nicht nur mit seiner ersten Symphonie vertreten, sondern auch in einem humorvollen musikalischen Beitrag für Orchester und Eisverkäufer-Klingel, komponiert von Louis Andriessen mit Zitaten aus allen Beethoven-Symphonien. Das Eröffnungsprogramm rundete Percussionist Martin Grubinger mit einem Schlagzeugkonzert des finnischen Komponisten Kalevi Aho ab.

(S E R V I C E – )

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