Carreras: „Der ganze Glamour ist unwichtig“

Der spanische Tenor wirbt am Donnerstag bei der „José Carreras Gala“ für seine Leukämie-Stiftung

„Ich lag am Boden und hatte unglaubliches Glück“: José Carreras, hier bei einer Ehrung für sein Lebenswerk in London 2009.
„Ich lag am Boden und hatte unglaubliches Glück“: José Carreras, hier bei einer Ehrung für sein Lebenswerk in London 2009. © APA/AFP/POOL/Carl De Souza

Startenor José Carreras (75) nutzt seine Popularität, um sich im Kampf gegen Leukämie zu engagieren, an der er 1987 erkrankte. Am Donnerstag wirbt er in Leipzig bei der alljährlichen „José Carreras Gala“ (ab 20.15 Uhr im MDR) um Spenden für die Deutsche José Carreras Leukämie-Stiftung. Mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa) sprach er über Corona, Glücklichsein und Singen unter der Dusche.

Wie haben Sie bisher die Corona-Pandemie erlebt?

JOSÉ CARRERAS: So wie jeder andere auch. Alle haben unter den Umständen gelitten, in aller Welt. Meine Generation, nach dem Zweiten Weltkrieg geboren, hatte bis dahin sehr viel Glück. Wir hatten keinen Krieg, wenig große Weltprobleme. Wir hatten ein fantastisches Leben. Alles war möglich. Jetzt hatten wir diesen Schicksalsschlag, der uns zurück in die Realität befördert hat, dass jeden Moment etwas passieren kann.

Wo haben Sie die Zeit des Lockdowns verbracht?

Ich war zu Hause in Barcelona. Ich hatte mir vorgenommen, so viel zu lesen, wie noch nie: Ich wollte zum Beispiel noch einmal die Ilias von Homer und noch einige andere Werke lesen. Am Ende habe ich das nicht geschafft. Aber ich habe versucht, etwas Sport zu machen und diszipliniert beim Essen zu sein. Sehr schade war, dass ich nicht die Menschen treffen konnte, die ich gerne sehen wollte, wie meine Familie und Freunde. Und, dass ich nicht jederzeit verreisen konnte.

Wie hat Ihnen die Musik in dieser Zeit geholfen?

Musik hilft mir immer. Auch, als ich lange Zeit im Krankenhaus lag, war Musik fantastisch geeignet, um Hoffnung zu schöpfen. Während der Pandemie habe ich viel Musik gehört, auch einige meiner Aufnahmen. Und manchmal habe ich mich gefragt, warum ich etwas so oder so gemacht habe. Man muss auch selbstkritisch sein.

Ihre Krankheit war eine einschneidende Erfahrung. Sind Sie dadurch gereift?

Wenn man eine sehr schwere Krankheit hat, elf Monate im Krankenhaus liegt und sich allen möglichen Behandlungen unterzieht, glaubt man, dass man kämpfen muss, um die Krankheit zu besiegen. Und man glaubt, das Wichtige im Leben ist nicht das, worauf man bisher so viel Wert gelegt hat. Man glaubt, dass es Dinge gibt, die noch wichtiger sind, als alles andere. Und wenn man das Glück hat, diesen Kampf zu gewinnen, nimmt man sich vor, der weiseste Mensch der Welt zu sein und alle Ratschläge zu befolgen. Aber dann macht man doch die gleichen Fehler, wie zuvor. Wir sind schließlich menschlich. Aber sicher bin ich daran gereift und habe die Prioritäten in meinem Leben danach anders gesetzt.

Sie hatten großes Glück, dass Sie überlebt haben. Haben Sie sich deshalb moralisch verpflichtet gefühlt, etwas zu tun?

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Es war ein Muss. Ich lag am Boden und dann hatte ich das unglaubliche Glück, wie ein Phoenix aus der Asche, mich wieder zu erholen. Meine Chancen, die Krankheit zu überleben, waren sehr gering. Aber ich habe es geschafft. Danach dachte ich mir: Ich will helfen.

Sie haben dem Tod ins Auge geblickt. Haben Sie trotzdem noch Angst vor dem Sterben?

Meine einzige Sorge ist die um meine Familie, um meine Kinder, meine Enkel und alle, die ich so gut wie möglich beschützen möchte, solange bis sie es alleine können. Ansonsten hatte ich ein wunderschönes Leben, mit Ausnahme der Zeit, als ich krank war. Ich wurde in die richtige Familie geboren. Sie hatte die richtigen Werte und Prinzipien. Ich hatte eine sehr schöne Jugend. Auch in meiner Karriere hatte ich viel Glück, ich konnte das machen, was ich am meisten liebe. Das ist wirklich ein Luxus, wenn der Beruf auch das Hobby ist. Außerdem hatte ich noch das Glück, zu den Besten zu gehören. Was sonst hätte ich mir noch wünschen können?

Hört sich so an, als wären sie wunschlos glücklich?

Ich bin sehr zufrieden. Ich habe fünf Enkel. Und wir leben zurzeit ganz in der Nähe voneinander. Es ist großartig, dass ich sie so oft sehen kann, wie ich möchte. Alles scheint in bester Ordnung zu sein. Ich möchte mein Leben weiter genießen – Konzerte besuchen oder bei Opern in Barcelona oder woanders zu singen. Und ich sehe gerne Sport. Der ganze Glamour, über den immer geredet wird, ist unwichtig. Was zählt, sind Werte, nach denen wir versuchen, zu leben.

Singen Sie privat auch, unter der Dusche?

Ich habe das mal in einem Buch geschrieben: Unter der Dusche hatte ich meine besten Darbietungen. Die Akustik ist einfach fantastisch dort. Natürlich singe ich unter der Dusche, nicht unbedingt Tosca, aber etwas, das ich gerade im Ohr habe, wie ein Lied aus dem Radio. Eines ist mir klargeworden: Wenn man unter der Dusche singt, ist man glücklich.

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