Choreografin Hölbling nutzt Lockdown für neue Projekte

Pünktlich zum 25-Jahr-Jubiläum der Compagnie Dans.Kias hätte die Premiere des zeitgenössischen Tanzstücks „Through Touches“ im April des Vorjahres stattfinden sollen. Nun hat das Coronavirus statt des Stücks ein Scheinwerferlicht auf das „urmenschliche Verlangen nach Zusammenkommen“ geworfen, stellt die Choreografin Saskia Hölbling im Gespräch mit der APA fest. Die Gründerin von Dans.Kias hat den unfreiwilligen Aufschub aber für die Erarbeitung neuer Projekte nützen können.

Drei Menschen begegnen sich auf einer ansonsten leeren Fläche. Bald bleibt ihnen nicht viel anderes übrig, als sich mal vorsichtiger und mal forscher anzunähern, zu berühren, zu erkunden. Dabei scheint es keine Rolle zu spielen, ob Fuß auf Bauch, Hand an Hand oder Gesicht auf Fußsohle trifft: Hauptsache Körper an Körper. „Through Touches“ thematisiert damit die „sensible, aber seltsam unbändige Kraft von Berührungen“, wie es in der Ankündigung des Stücks heißt – in Zeiten einer Pandemie ein spannendes Thema.

Doch die Idee existierte bereits, bevor das Virus die Kulturbranche weitgehend stilllegte. „Es ist aus der Beobachtung heraus entstanden, dass in der Welt, durch die wir laufen, kaum mehr Platz dafür ist, sich auf andere einzulassen, sie zu berühren“, erklärte Hölbling, die für Regie und Choreografie der Arbeit verantwortlich ist und auch einen tänzerischen Part darin übernimmt. Dann kam Corona und warf einen Fokus auf das fehlende Zusammenkommen. „Das ist schon zynisch, dass dieses Thema nun so im Mittelpunkt steht“, meinte die 49-Jährige. Schön findet die Wienerin jedoch, dass durch die derzeit nötige Distanz, „die Leute wieder merken, dass die Kultur des Aufeinandertreffens total fehlt“. All das, was den Menschen ausmache, sei gekappt. Schöner wäre es natürlich, wenn nicht erst ein Virus dafür sorgen müsste, dass dieser Fokus entsteht, so Hölbling.

Über 40 Werke hat die Dans.Kias-Gründerin bereits geschaffen. So lange musste sie jedoch noch nie auf eine Aufführung warten. „Man kann eine Spannung nicht über fast ein Jahr hinweg aufrechterhalten, ohne dass einem die Luft ausgeht“, meinte Hölbling. Sie legte das Stück bewusst weg. Es vorzeitig per (Live-)Stream zu einer Premiere zu bringen, stand für die Choreografin nicht im Raum: „Wenn ich “Through Touches„ einfach mitfilme und streame, geht das an der Idee vorbei.“ Online sei alles schneller und die Bildkonsumation eine andere. „Ich mache eine Aufführung, damit die Leute kommen und sich in ein Setting einlassen. Durch die Welt zappen können sie ohnehin am Tag“, erklärte Hölbling ihre Entscheidung.

Sie fokussierte sich auf Neues, anstatt an alternativen Aufführungsmöglichkeiten zu basteln. Neben einem Ensemblestück, das noch die Thematik von „Through Touches“ umkreist, ist auch ein Projekt namens „Inhabit the impossible“ geplant. Dabei setzen sich insgesamt 14 Denker aus verschiedenen Bereichen wie Architektur, Performance oder Film über einen längeren Zeitraum mit Zukunftsräumen auseinander. Auch der Philosoph Arno Böhler bringt seine Perspektive auf das Thema ein. „Man darf sich das nicht so vorstellen, dass da jeder in seinem Kämmerchen sitzt und sich etwas überlegt. Wir haben auch wiederholt Überschneidungspunkte“, erklärte Hölbling. Im Endeffekt solle ein Dispositiv entstehen, das unterschiedliche, aber auch durchwachsene Perspektiven zusammenführt.

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Bis es soweit ist, hofft die Künstlerin darauf, bald mit „Through Touches“ vor Publikum auftreten zu können. „Ein Stück entwickelt sich immer noch auf der Bühne weiter. Wir sind schon sehr ausgehungert davon, keinen Austausch mit dem Publikum zu haben“, bedauerte Hölbling. Und obwohl der Dans.Kias-Gründerin das Coronavirus „an sämtlichen Nerven“ zieht, ist sie optimistisch, dass sich Berührungen nach überstandener Abstinenz nicht fremd anfühlen werden: „Es handelt sich hier um eine Ausnahmesituation. Diese wird auch wieder verschwinden.“

(Das Gespräch führte Lukas Wodicka/APA)

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