Chef einer Carjacking-Bande in Wien zu 15 Jahren verurteilt

36-Jährigem droht lebenslange Haftstrafe © APA/THEMENBILD/HARALD SCHNEIDER

Der mutmaßliche Boss einer auf Carjacking – den Diebstahl von Fahrzeugen unter Anwendung von Gewalt – spezialisierten Bande ist am Dienstagabend am Wiener Landesgericht wegen versuchten Mordes und zweifachen schweren Raubes zu 15 Jahren Haft verurteilt worden. Verteidiger Michael Dohr bat um Bedenkzeit, die Staatsanwältin war mit der Entscheidung einverstanden. Das Urteil ist damit nicht rechtskräftig.

Der 36-Jährige, den die Staatsanwältin als Schwerstkriminellen mit einem Hang zur Brutalität bezeichnete, hatte sich in der seit vergangenem September laufenden Hauptverhandlung zahm gegeben. Gewalttätig seien in erster Linie seine Mittäter gewesen, behauptete er. Dem widersprach nun allerdings sein Cousin, der als letzter Zeuge im Rechtshilfeweg mittels einer Video-Schaltung nach Italien als Zeuge vernommen wurde. „Mamma Mia“, entfuhr es dem 40-Jährigen, als er übersetzt bekam, wie sein in Wien angeklagter Verwandter seine Rolle an einem Überfall auf einen damals 53-jährigen Wiener „verniedlicht“ hatte, dessentwegen der Cousin als Mitbeteiligter in Italien eine zehnjährige Freiheitsstrafe verbüßt.

Der damals 53 Jahre alte Wiener hatte sich am 12. Oktober 2016 mit seinem Auto auf dem Weg zur Arbeit befunden, als er in Favoriten mit einem riskanten Überholmanöver den zufällig vor ihm fahrenden mutmaßlichen Bandenboss verärgert haben dürfte, der mit drei Rumänen – darunter sein Cousin – in einem Pkw unterwegs war. Er fuhr dem 53-Jährigen hinterher, überholte diesen, stellte sich quer zur Fahrbahn und zwang den Wiener damit zum Anhalten. Das Opfer wurde in weiterer Folge von den Rumänen aus dem Auto gezerrt und brutal zusammengeschlagen. Danach fesselte man den stark blutendem Mann mit seinen eigenen Schuhbändern und seiner Jacke, zwang ihn wieder ins Auto, fuhr zu einem abgelegenen Industriegebiet in Simmering und drosch auf das wehrlose Opfer bis zu dessen Bewusstlosigkeit ein. Im Glauben, er sei tot, ließ man ihn liegen. Das Fahrzeug des 53-Jährigen wurde nach Serbien geschafft.

Der mutmaßliche Banden-Chef behauptet, er sei nicht gewalttätig geworden und sei im Auto sitzen geblieben, während seine Landsleute auf den damals 53-Jährigen einschlugen. Das wies sein Cousin nun aber zurück: „Er ist ausgestiegen, er hat geschlagen.“ Der Zeuge bekräftigte auch seine Angaben, die er schon während des Ermittlungsverfahrens getätigt hatte: „Er (das Opfer, Anm.) war in einem schlimmen Zustand.“ Nach seiner Festnahme hatte der Cousin erklärt: „Ich dachte, dass er zu dem Zeitpunkt tot wäre, da voll brutal auf den gefesselten Mann eingeschlagen wurde.“

Der malträtierte Mann erlitt lebensgefährliche Verletzungen, nämlich multiple Rippenfrakturen, Knochenbrüche im Kopf- und Gesichtsbereich und einen infolge von Schlägen und Tritten beschädigten Lungenflügel. „Die Art und Intensität der Gewaltanwendung war so stark, dass Lebensgefahr gegeben war. Dass er überlebt hat, war ein reiner Glücksfall“, betonte die Staatsanwältin am Ende der Verhandlung in ihrem Schlussplädoyer. Der Angeklagte habe den schwer verletzten, gefesselten Mann „einfach liegen gelassen. Es war ihm egal, ob er stirbt“.

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Der 53-Jährige wurde blutüberströmt von einem Passanten gefunden, der ihm das Leben gerettet haben dürfte, indem er die Rettungskette in Gang setzte. „Er war der Kopf der Bande“, zeigte sich die Anklägerin hinsichtlich der Rolle des 36-Jährigen innerhalb der kriminellen Vereinigung überzeugt. „Trauen Sie sich, eine hohe, wenn nicht die Höchststrafe zu verhängen. Trauen Sie sich, Ihren Job zu machen! Ziehen Sie diese Person, diese wahnsinnig gefährliche Person aus dem Verkehr“, appellierte sie an die Geschworenen.

Das zweite, nicht minder brutale Raubfaktum hatte sich am 8. Oktober 2016 zugetragen, als der 36-Jährige gemeinsam mit vier Rumänen in Deutsch-Wagram (Bezirk Gänserndorf) einen damals 19-jährigen Burschen anhielt, der mit einem alten Mercedes 180 C unterwegs war. Sie fragten den jungen Mann nach dem Weg, indem sie vorgaben, nicht zu einer Hochzeit zu finden, und stiegen schließlich zu ihm in den Wagen.

Für den 19-Jährigen völlig unerwartet begannen die Männer dann während der Fahrt plötzlich auf ihn einzuprügeln. Er wurde schließlich aus dem Wagen gezerrt, misshandelt, gedemütigt und mit seinem Hosengürtel sowie seinen Schuhbändern an Händen und Füßen gefesselt und in den Kofferraum seines Autos bugsiert. Dann fuhren die Kriminellen den Mercedes auf einen Feldweg und ließen den völlig verängstigten Burschen aus dem Kofferraum. Dem Opfer wurden alle Wertsachen abgenommen und die Bekanntgabe des Codes zu seiner Bankomat-Karte verlangt, ehe die Kriminellen mit dem Mercedes davonfuhren.

Der ausgesetzte, erheblich verletzte 19-Jährige benötigte Stunden, ehe er im Finstern über Felder zu Fuß nach Hause fand. Den Mercedes schaffte die Bande über Ungarn außer Landes, nachdem man mit der Bankomat-Karte noch Geld vom Konto des jungen Mannes behoben hatte.

Zum Überfall auf den 19-Jährigen war der Angeklagte formal geständig: „Ich bin schuld, ich war dabei. Ich habe ihn auch geschlagen, ein Mal, zwei Mal.“ Die insgesamt vier Mittäter des 36-Jährigen sind allesamt bereits rechtskräftig zu Haftstrafen zwischen vier und zehn Jahren verurteilt worden. Sie hatten den 36-Jährigen als Chef ihrer Gruppierung bezeichnet, was dieser stets abgestritten hat. Er bezeichnete sich vor Gericht als gelernter Automechaniker, der zuletzt als Hilfsarbeiter am Bau gearbeitet habe. Kriminell sei er nicht.

Der Mann war für die heimische Justiz jahrelang nicht greifbar, da er sich in Serbien aufhielt und ein Europäischer Haftbefehl nicht vollzogen werden konnte. Er wurde im April 2023 bei der Einreise nach Österreich festgenommen, als er seine hier lebende Frau besuchen wollte, mit der er fünf Kinder hat. Seither sitzt der 36-Jährige in U-Haft.

Vom Vorwurf der Vergewaltigung seiner Ex-Frau und deren Körperverletzung wurde der Banden-Boss freigesprochen. Er hatte seine Ex und deren neuen Partner im November 2016 zu einer Aussprache in ein Lokal in Wien-Favoriten bestellt, um dort die Vaterschaft eines Sohnes der Frau zu klären. Der neue Mann der Ex wurde in dem Lokal zunächst derart heftig zusammengeschlagen, dass er durch eine Wand vom einen Raum in den anderen krachte. Anschließend wurde der damals 20-Jährige von Mittätern in eine Lagerhalle gebracht und stundenlang gefangen gehalten, ehe ihm mit einer List die Flucht gelang.

Währenddessen soll der 36-Jährige mit seiner Ex-Frau ziellos durch Niederösterreich gefahren sein und sie schließlich auf der Toilette einer Raststation vergewaltigt haben. Das erachteten die Geschworenen als nicht erwiesen an, von diesem Vorwurf erfolgte mit 4:4 Stimmen ein äußerst knapper Freispruch.

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