Corona – Für Weiss mittlerweile „ganz andere Krankheit“

Günter Weiss sieht Corona mittlerweile als „ganz andere Krankheit“. © APA/EXPA/JOHANN GRODER/EXPA/JOHANN GRODER

Der Innsbrucker Infektiologe und Direktor der Uni-Klinik für Innere Medizin, Günter Weiss, sieht Corona bzw. Covid-19 mittlerweile als „ganz andere Krankheit als noch vor einem Jahr.“ Das Virus habe sich mittlerweile „eingereiht in andere saisonale respiratorische Infektionen bzw. Erkrankungen“, sagte Weiss im APA-Interview. Vor einem Jahr habe man im Zuge der Delta-Variante noch „schwere Fälle“ festgestellt – dies habe sich mittlerweile „dramatisch geändert.“

„Die Wahrscheinlichkeit an Corona zu versterben, ist mittlerweile eine sehr geringe geworden“, erklärte der renommierte Mediziner. Vor einem Jahr habe es etwa noch viele Fälle von Lungenversagen gegeben, die Intensivstationen seien voll gewesen. „Eine Lunge, die aufgrund einer Corona-Infektion komplett versagt, haben wir seit Februar glücklicherweise nicht mehr gesehen“, ortete Weiss mittlerweile, etwa aufgrund der überwiegend milden Omikron-Variante und der verbesserten Immunitätslage durch Impfungen und/oder durchgemachte Infektionen, eine deutliche Änderung der Situation.

Es komme auch nicht mehr zu diesen überschießenden Immunreaktionen wie früher bei Covid-19 beobachtet, weshalb auch keine Medikamente, die das Immunsystem unterdrücken, mehr zum Einsatz kommen müssen. „Bei zwei Drittel bis drei Viertel der Menschen, die mit einer Covid-Infektion zu uns ins Krankenhaus kommen, ist Corona nicht mehr das Hauptproblem. Die restlichen Patienten haben Fieber und Atemwegssymptome, aber die wirklich schweren Fälle haben wir nicht mehr gesehen“, gewährte Weiss Einblick in den Klinik-Alltag. Demgegenüber komme es in Zusammenhang mit Covid-19 zu sogenannten bakteriellen Sekundärinfektionen der Lunge (Pneumonie), wie man es auch von der Influenza kenne.

Auch die neuen Varianten wie BQ1 und BQ1.1, die etwa aus den USA nach Europa schwappen, seien zwar – wie auch Omikron – sogenannte „Immun-Escape-Varianten“, aber auch sie hätten – soweit man es derzeit beurteilen könne – nicht mehr diese fatalen Auswirkungen wie Infektionen mit früheren SARS-CoV2 Varianten wie Alpha oder Delta. Natürlich wisse man nicht, ob das auch so bleiben werde, ein Restrisiko für neue Mutationen mit schwerem Verlauf bestehe immer. Jedenfalls gelte: „Covid SARS-CoV2 wird ein Teil jener Virusinfektionen werden, die uns vor allem in der kalten Jahreszeit beschäftigen und plagen“, so Weiss. Eine Notwendigkeit für staatliche Zwangsmaßnahmen gebe es, sollte die Lage annähernd so bleiben, jedenfalls nicht mehr. Individuelle Hygienemaßnahmen seien aber nach wie vor sinnvoll.

Ob die WHO Corona als Pandemie bald für beendet erklärt und künftig quasi eine Endemie ausruft, ist für Weiss nicht so entscheidend. Dies sei vielmehr ein „Streit um des Kaisers Bart“. So habe die Weltgesundheitsorganisation Corona seinerzeit erst zur Pandemie erklärt, als bereits wochenlang klar gewesen sei, dass das Virus ein globales Problem darstellt. Er halte die Einstufung mittlerweile ohnehin mehr für eine „psychologische Geschichte.“

Mehr Sorgen als Corona machen Weiss derzeit andere respiratorische Infektionen, vor allem was den Druck auf die Spitalskapazitäten angeht. So sei man derzeit an der Klinik in der Akutversorgung mehr mit Influenza- und RSV-Infektionen konfrontiert als mit Corona. Die Kumulation der Viruserkrankungen und die daraus ebenfalls resultierenden Isolationsmaßnahmen, kombiniert mit Bettensperren aufgrund der prekären Personalsituation, sowie andererseits die zunehmende Notwendigkeit hospitalisierungspflichtige Patienten aufzunehmen, aber keinen Platz zu haben, verschärfe den Druck auf die Kapazitäten und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zudem, so Weiss.

Zur Verschlimmerung der Beleg-Situation in den Krankenhäusern trage aber noch ein weiteres Problem bei. Es würden oftmals Nachbetreuungseinrichtungen oder ein Versorgungsangebot im heimischen Umfeld der Patienten fehlen. „So bleiben oft Patienten länger im Krankenhaus, die eigentlich nicht hospitalisierungspflichtig sind“, verwies der Experte auf ein eminentes Problem. Dazu komme, dass im städtischen Bereich wie Innsbruck eine ambulante ärztliche Versorgung außerhalb des Krankenhauses an Wochenenden großteils fehle und sowohl Schwerkranke als auch Patienten mit eher banalen medizinischen Problemen in die Notfallaufnahmen strömen und hier das System an den Rand des Kollaps bringen.

Die stärkere, sich erst aufbauende Welle an Influenza und RSV-Infektionen habe indirekt mit Corona-Schutzmaßnahmen zu tun. Dadurch habe es in den vergangenen Jahren weniger Exposition gegenüber diesen Viren gegeben. „Das immunologische Gedächtnis hat gegenüber diesen Viren etwas abgenommen und diese haben sich leicht verändert, so dass es in der Natur der Sache liegt, dass diese Infektionen nunmehr mehr Personen erfassen und mitunter auch schwerer verlaufen“, verdeutlichte Weiss.

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