Fehlende Durchimpfungsrate lässt Masernfälle ansteigen

Rückgang der abgerufenen Dosen seit Corona-Pandemie © APA/THEMENBILD/GEORG HOCHMUTH

Die steigenden Masernfälle in Österreich sind auf die sinkenden Durchimpfungsraten zurückzuführen. Wie aus einer Anfragebeantwortung durch Gesundheitsminister Johannes Rauch (Grüne) zu entnehmen ist, sank die Zahl der abgerufenen Kombinationsimpfungen gegen Masern-Mumps-Röteln (MMR) seit 2020 – und somit seit Beginn der Corona-Pandemie – deutlich. Gab es 2019 noch 338.240 abgerufene Dosen zur Verimpfung, waren es 2020 nur noch 174.907 und 2021 gar nur mehr 158.897 Dosen.

Im Jahr 2020 wurden in Österreich lediglich 25 Fälle von Masern gemeldet, in den Jahren 2021 und 2022 jeweils ein Fall. Laut einem Bericht des Gesundheitsministeriums aus dem Jahr 2022 wurden durch die Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung die Einschleppung und Übertragung von Masernviren stark eingedämmt. Im vergangenen Jahr wurde laut Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) wieder ein Aufflammen von Maserninfektionen verzeichnet und es wurden 186 Fälle gemeldet. Heuer finden sich mit Stand 13. Februar schon 75 bestätigte Fälle im epidemiologischen Meldesystem (EMS). Mit einem weiteren Anstieg sei zu rechnen, so die AGES. Mit entsprechend hohen Durchimpfungsraten könnte das Masernvirus ausgerottet werden. Dafür müssten aber 95 Prozent der Bevölkerung immun sein, betonte das Gesundheitsministerium.

Nun zeigt die Beantwortung der schriftlichen Anfrage durch die NEOS-Gesundheitssprecherin Fiona Fiedler betreffend der Sicherstellung guter Durchimpfungsraten in Österreich, dass bei der MMR-Impfung im Jahr 2018 die Bundesländer noch 210.016 Dosen aus den jeweiligen Rahmenvereinbarungen über die Bundesbeschaffung GmbH (BBG) abgerufen haben. Dabei wird immer der Zeitraum von 1. Februar bis 31. Jänner des darauffolgenden Jahres gerechnet. 2019 waren es dann noch 338.240 Dosen, 2020 aber nur 174.907, 2021 158.897, 2022 174.281 und Februar bis Juli 2023 108.936 abgerufene Dosen. Zwar wird nur der Bedarf an Impfstoff abgerufen, der auch benötigt wird. Dennoch kann es sein, dass die Zahl der abgerufenen Dosen nicht der Zahl der verabreichten Impfungen entspricht.

Die Durchimpfungsraten gegen MMR werden seit 2015 mittels eines agentenbasierten dynamischen Simulationsmodells ermittelt, erklärte das Gesundheitsministerium. Deshalb werden diese Werte auch nicht in absoluten Zahlen, sondern in Prozent angegeben. Auch aus dem Grund, weil es keine Eintragungspflicht für MMR gibt.

Immer wieder gab es in den vergangenen Jahren Impflücken. Laut dem Ministeriumsbericht zeigte sich, dass zwar die Zahl der verabreichten Impfungen im Jahr 2022 – das sind die aktuellsten Werte – wieder gestiegen sind, sodass im Jahr 2022 vor allem die ganz kleinen Kinder wieder vermehrt geimpft wurden. Andererseits konnten Jahrgänge mit niedrigen Impfraten ihren Rückstand noch nicht ausreichend aufholen. Nach wie vor seien zu wenige Kinder in Österreich rechtzeitig und konsequent mit den empfohlenen zwei Dosen geimpft.

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Ab dem vollendeten 9. Lebensmonat werden zwei Dosen der MMR-Impfung empfohlen. Bei Erstimpfung im 1. Lebensjahr sollte die 2. Dosis nach drei Monaten verabreicht werden. Idealerweise sollten möglichst viele Kinder bereits im ersten Lebensjahr, jedenfalls aber vor Eintritt in Gemeinschaftseinrichtungen wie etwa Kinderkrippe oder Kindergarten geimpft werden. Die Einjährigen wiesen im Jahr 2022 bereits eine Durchimpfungsrate von 82 Prozent für die erste Teilimpfung auf. Dies ist deutlich besser als im Jahr davor, wo bei den Einjährigen nur 71 Prozent der Kinder eine erste Teilimpfung erhalten haben. Bei der zweiten Teilimpfung sinkt die Durchimpfungsrate allerdings auf 45 Prozent. Unter den Einjährigen sind sogar 18 Prozent, also 15.500 Kinder, völlig ungeimpft. Idealerweise sollte bereits in dieser Altersgruppe eine Durchimpfungsrate von 95 Prozent bei der zweiten Teilimpfung erreicht sein, was nicht annähernd der Fall ist.

In der Altersgruppe der Zwei- bis Fünfjährigen zeigt sich laut dem Bericht aus 2022, dass in den Vorjahren die Kleinkinder nicht ausreichend geimpft wurden. Mittlerweile sind in dieser Altersgruppe acht Prozent der Kinder komplett ungeimpft, sodass das Ziel einer 95 Prozent-Durchimpfungsrate nicht einmal bei der ersten Teilimpfung erreicht werden kann. Auch die zweite Teilimpfung haben nur rund 87 Prozent der Kinder bereits erhalten. Konkret heißt das, dass bei fast 19.000 Kindern in dieser Altersgruppe zumindest die zweite Teilimpfung fehlt und weitere 28.200 Kinder noch gar keine Impfung erhalten haben. Vor allem die Kinder des 2019er- und 2020er-Jahrgangs weisen niedrige Durchimpfungsraten auf.

In der Altersgruppe der Sechs- bis Neunjährigen liegen laut dem Bericht aus dem Jahr 2022 die Durchimpfungsraten zumindest für die erste Dosis über den angestrebten 95 Prozent. Für die zweite Dosis liegt sie jedoch weiterhin nur bei knapp 90 Prozent. Insgesamt haben also in etwa 30.700 Kinder nur die erste und noch nicht die zweite Teilimpfung erhalten. Die Zehn- bis 18-Jährigen sind generell sehr gut geimpft. Hier wird sogar mit der zweiten Impfdosis das Ziel einer 95 Prozent-Durchimpfungsrate erreicht.

„Durch steigende Impfskepsis sind etwa Masern wieder auf dem Vormarsch“, beklagte Minister Rauch die Situation auf der Plattform X (früher Twitter). „Mein Appell: Lassen Sie Ihren Impfstatus und den Ihrer Kinder kontrollieren und holen Sie gegebenenfalls Ihre Schutzimpfung jetzt nach. Ihrer Gesundheit zuliebe. Nicht umsonst zählen Impfungen zu den größten Errungenschaften in der Medizin.“

Das Masernvirus ist ein hochansteckendes Einzelstrang-RNA-Virus, das zur Familie der Paramyxoviren gehört, warnte die AGES. Infizierte Personen gelten ab etwa vier Tagen vor bis vier Tage nach Auftreten des charakteristischen Masern-Exanthems als ansteckend. Die höchste Ansteckungsgefahr besteht in der Prodromalphase, der Phase vor Auftreten des Hautausschlags, die 2-4 Tage andauert und durch starken Husten charakterisiert ist. Zu möglichen Komplikationen einer Maserninfektion gehören bakterielle Superinfektionen mit Mittelohr- und Lungenentzündungen oder Entzündungen des Kehlkopfs. Auch ist die Anfälligkeit für Tuberkulose erhöht. In ein bis zwei von 1.000 Fällen kommt es zu einer lebensbedrohlichen Entzündung des Gehirns, die in zehn bis 20 Prozent der Fälle tödlich verläuft und in 20 bis 40 Prozent mit bleibenden Schäden des Nervensystems einhergeht.

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