Jeden Tag eine HIV-Neudiagnose in Österreich

Etwa 9.000 Menschen in Österreich sind infiziert © APA/HANS PUNZ

Im Schnitt hat in Österreich im Vorjahr jeden Tag eine Person eine HIV-Neudiagnose erhalten. Insgesamt waren es 376 Menschen, die Anzahl war etwas höher als 2020. Die Österreichische Aids Gesellschaft geht davon aus, dass es etwa 9.000 HIV-Infizierte Personen in Österreich gibt – das sind bei neun Millionen Einwohnerinnen und Einwohner etwa 0,1 Prozent der Bevölkerung. Am 1. Dezember findet der Welt-Aids-Tag statt. Die Aids Hilfe sieht dringenden Handlungsbedarf.

Der Welt-Aids-Tag wurde heuer von UNAIDS unter das Motto „Equalize“ gestellt. Denn der Kampf gegen Ungleichheiten ist gerade im Bereich der AIDS-Pandemie besonders wichtig. Es geht nicht nur um einen gemeinsamen Kampf gegen Stigma und Diskriminierung, sondern um gleiche Rechte – insbesondere auch im Zusammenhang mit sexueller Gesundheit. Mit vier Forderungen zum Welt-Aids-Tag macht die Aids Hilfe Wien auf jene Bereiche aufmerksam, in denen dringender Handlungsbedarf besteht, informierte sie in einer Aussendung. „Über sexuelle Gesundheit wird zu wenig gesprochen. Oft gilt es noch als Tabu, unsere Bedürfnisse, Wünsche, Probleme oder auch Ängste anderen gegenüber auszudrücken und das kann zu gesundheitlichen Belastungen führen“, meinte Andrea Brunner, Geschäftsführerin der Aids Hilfe Wien.

„Am heurigen Welt-Aids-Tag machen wir aufmerksam, dass es einen selbstverständlichen Umgang mit dem Thema sexuelle Gesundheit braucht. Das Recht auf einen positiven Zugang zur Sexualität, das Recht auf sexuelle Vielfalt, die Möglichkeit Probleme offen ansprechen zu können, aber auch dem gleichen und niederschwelligen Zugang zu Testungen, zu Impfungen oder anderen Präventivmaßnahmen muss Rechnung getragen werden“, forderte Brunner. Die Aids Hilfe Wien hat den diesjährigen Welt-Aids-Tag unter das Jahresmotto „Lust auf Reden. Gemeinsam für sexuelle Gesundheit“ gestellt. Durch das Sprechen über die sexuelle Gesundheit soll die Handlungskompetenz gesteigert werden, so die Forderung.

Außerdem wird eine Verbesserung der Verfügbarkeit und Qualität für HIV-Behandlung, -Tests und -Prävention, verlangt, damit alle Menschen gut versorgt sind. Dazu gehört unter anderem auch der niederschwellige und kostenfreie Zugang zur Prä-Expositions-Prophylaxe (PrEP). Dabei handelt es sich um HIV-Medikamente, die von einer HIV-negativen Person vorbeugend eingenommen werden. Bei korrekter Einnahme ist sie ein ebenso zuverlässiger Schutz wie das Kondom. Die PrEP ist in ausgewählten Apotheken um 59 Euro pro Packung (30 Stück) erhältlich, die Kosten werden ebenso wenig wie die nötigen Untersuchungen nicht von der Krankenkasse übernommen. Außerdem ist ein Privatrezept von einem HIV-Spezialisten notwendig. Damit ist dieses wirkungsvolle präventive Medikament für viele besonders vulnerable Gruppen nicht oder schwer leistbar – der Zugang ist somit sehr hochschwellig, kritisierte die Aids Hilfe Wien. Sie fordert eine Finanzierung der PrEP durch die öffentliche Hand dringend nötig.

Insgesamt gab es in den vergangenen sechs Jahren einen Rückgang bei den HIV-Neudiagnosen. Den geringsten Jahres-Wert gab es 2020 mit 332 neuen Infizierten. Dies dürfte zum Teil auch mit Verordnungen und Ausgangsbeschränkungen im Zuge der Covid-19-Pandemie in Zusammenhang stehen. Laut Berichten des Zentrums für Virologie wurden insbesondere während des ersten Covid-19-Pandemiejahres 2020 signifikant weniger HIV-Tests eingeschickt. Europaweit gab es rund 24 Prozent weniger Neudiagnosen.

Die meisten der 376 Neudiagnosen wurden in Wien (189), in Oberösterreich (46), gefolgt von der Steiermark (38) und Tirol (25) gestellt. Burgenland bildet mit zwei neudiagnostizierten Fällen das Schlusslicht. Aufgrund anonymer Neudiagnosen kann es jedoch zu Mehrfachmeldungen kommen. Die Zahl der Neudiagnosen ohne anonyme Meldungen betrug im Jahr 2021 insgesamt 310 – davon waren 256 Männer und 54 Frauen. Rund 9.000 Menschen sind in Österreich mit HIV infiziert. Es wird aber geschätzt, dass knapp zehn Prozent der Betroffenen nicht über ihre Infektion Bescheid wissen, weil sie noch nicht getestet wurden und somit noch keine Behandlung erhalten.

Knapp 42,5 Prozent der betroffenen Personen erfahren von ihrer HIV-Infektion erst in einem fortgeschrittenen Stadium, informierte die Aids Hilfe. Eine späte Diagnose – auch late presentation – kommt vor allem bei Menschen über 50 Jahren sowie nicht aus Österreich stammenden Personen vor. Im Jahr 2021 war etwa jede fünfte Person zum Zeitpunkt der Diagnose über 50 Jahre alt. Bei MSM (Männer, die Sex mit Männern haben) wird eine Diagnose meist früher gestellt. Als Gründe dafür, dass die Infektion lange unbemerkt bleibt, können mangelndes Risikobewusstsein genannt werden oder die Angst vor eine Diagnose – auch aufgrund möglicher gesellschaftlicher Diskriminierung.

Die Aids Hilfe Wien fordert, dass Diskriminierung und Stigmatisierung von HIV-positiven Menschen gestoppt wird. Die Einschränkung der Lebensqualität und des psychischen Befindens durch Abwertung und Diskriminierung verursacht im Jahr 2022 viel größere Probleme als die tatsächlich geringen gesundheitlichen Einschränkungen, die sich aufgrund einer HIV-Infektion unter wirksamer Therapie ergeben, konstatierte die Aids Hilfe. Demnach erleben viele Menschen mit HIV abwertendes Verhalten, wenn sie ihren Status bekannt geben. Angst, Scham und ein herabgesetztes Selbstwertgefühl – verursacht durch Diskriminierung – führen bei Menschen mit HIV häufig zu einer schlechteren Lebensqualität, warnt die Aids Hilfe. Unter wirksamer Therapie ist das Virus unter der Nachweisgrenze und kann auch nicht weitergegeben werden. Das ist der berühmte Slogan U=U – ‚undetectable is untransmittable‘: Unter der Nachweisgrenze ist unübertragbar, stellte die Aids Hilfe klar.

Die Experten und Expertinnen fordern außerdem Qualitätssicherung bei der Aufklärung von Jugendlichen. Transparenz und der Bezug auf aktuellste wissenschaftliche Erkenntnisse seien besonders wichtig, um Jugendliche altersgemäß aufzuklären und ihre sexuelle Selbstbestimmung zu fördern. So werden Kompetenzen gestärkt, die es ihnen ermöglichen zu erkennen, wann Grenzen im realen oder digitalen Lebensraum überschritten werden, informierte die Aids Hilfe.

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