Kollegin musste Tötung von drei Frauen in Wien mit anhören

Tatverdächtiger seit Freitagnacht in Polizeigewahrsam © APA/GEORG HOCHMUTH

Die entsetzliche Messerattacke in einem Rotlicht-Etablissement in Wien-Brigittenau am Freitagabend, der drei junge Frauen zum Opfer fielen, ist von einer Kollegin der Opfer mitangehört worden. Diese vierte Mitarbeiterin des Asia Studios hatte sich in einem Zimmer eingesperrt, sagte Polizeisprecher Philipp Haßlinger der APA. Sie sei als Ohrenzeugin mittlerweile befragt worden. Die Einvernahme des Verdächtigen, ein Asylwerber aus Afghanistan (27), war Samstagnachmittag in Gang.

Der Mann hatte sich bei seiner Festnahme in einer Grünanlage gegenüber des Tatorts aggressiv verhalten, war zuvor bekannt geworden. Er sei daher mit einem Taser außer Gefecht gesetzt, überwältigt und in Gewahrsam genommen worden. Zunächst wurde er zur Behandlung seiner Verletzungen in ein Spital verbracht. Laut Haßlinger wies der Mann Schnittverletzungen auf, die er sich bei der Tatausführung selbst zugefügt haben dürfte.

Der Afghane wurde erst Samstagfrüh in den Polizeiarrest überstellt, wo am Nachmittag mit Hilfe eines Dolmetschs mit der Beschuldigteneinvernahme begonnen wurde. Angaben zur Verantwortung des Verdächtigen und einem möglichen Motiv gab es vorerst keine, da die Befragung im Laufen war.

In dem Rotlicht-Lokal war ein regelrechtes Blutbad verübt worden. Die getöteten Frauen wiesen massive Schnitt- und Stichverletzungen auf, so dass den Einsatzkräften schon beim Betreten des Tatorts klar war, dass für die Opfer jede ärztliche Hilfe zu spät kam. Das Tatgeschehen hatte sich auf mehrere Räumlichkeiten erstreckt – die Leichen wurden in unterschiedlichen Zimmern gefunden, sagte Haßlinger.

Dass gegen die Opfer mit ungemein heftiger Gewalt vorgegangen wurde, zeigt sich auch daran, dass ihre Identitäten nach wie vor nicht geklärt sind. Diesbezüglich liefen die Erhebungen, hieß es seitens der Polizei. Bisher wurden auch keine offiziellen Dokumente der Frauen gefunden, sagte der Sprecher auf APA-Nachfrage.

Der 27-Jährige war vermutlich der letzte Besucher in dem Asia Studio. Augenzeugen der Bluttat gibt es laut aktuellem Ermittlungsstand keine. Die Ohrenzeugin habe angegeben, sie habe die Tür zu ihrem Zimmer von innen zugehalten und diese dann auch abgesperrt, sagte Haßlinger. Den Angreifer habe sie nie zu Gesicht bekommen.

SPÖ-Bundesfrauenvorsitzende Eva-Maria Holzleitner reagierte mit einem Appell an die Bundesregierung auf die jüngsten Femizide – am Freitag wurden in Wien an einem einzigen Tag vier gewaltsam ums Leben gebrachte Frauen sowie ein ebenfalls mit Gewalt getötetes Mädchen von der Polizei aufgefunden. Holzleitner forderte in einer Aussendung eine Krisensitzung und einen Nationalen Aktionsplan Gewaltschutz. Jede dritte Frau in Österreich sei von Gewalt betroffen, die Anzahl der Betretungsverbote steige jährlich, die Anzahl an Femiziden sei die höchste in Europa.

Das Innenministerium hielt zum Anstieg der Betretungsverbote gegenüber der APA fest, dies sei „aus kriminalpolizeilicher Sicht positiv, weil wir das Dunkelfeld von häuslicher Gewalt in das Hellfeld rücken wollen, und die BV-Zahlen sind direkter Gradmesser für diese Bemühungen“. Aus Sicht von Fachleuten für Opferschutz sei es wichtig, „beim Thema Frauenmorde sensibel und fachlich richtig zu kommunizieren – nicht jeder Frauenmord darf automatisch in das Feld ‚Häusliche Gewalt‘ eingeordnet werden. Das schadet dem professionellen Opferschutz nachhaltig“, betonte ein Sprecher.

Zum häufig gebrachten internationalen Zahlen-Vergleich, bei dem Österreich laut Kritikerinnen und Kritikern schlecht abschneidet, hieß es aus dem Ministerium: „Europaweite Vergleiche können valide am ehesten über die Zahlen von Eurostat (das Statistische Amt der Europäischen Union, Anm.) angestellt werden. Diese Vergleichszahlen gibt es derzeit bis 2021, und sie belegen, dass Österreich bei diesem Deliktsfeld im europaweiten Durchschnitt, teilweise sogar darunter liegt.“ Das gehe auch aus der aktuellsten heimische Studie hervor, die vom Institut für Konfliktforschung im vergangenen Jahr vorgelegt wurde. „Zu sagen, Österreich sei in diesem Deliktsfeld besonders belastet, ist statistisch nicht haltbar“, wurde betont.

Im vergangenen Jahr seien 26 Tötungsdelikte an Frauen verübt worden, nur in einem Fall habe es zuvor ein Annäherungs- und Betretungsverbot gegeben, so der BMI-Sprecher weiter. Die Zahl der 2020 wieder etablierten Fallkonferenzen sei 2023 auf 234 Konferenzen gesteigert worden, eine Verzehnfachung seit 2020. Mit dem Instrument des seit 2021 verpflichtenden Anti-Gewalttrainings für Gefährder sei Österreich „internationaler Vorreiter“.

Angesichts des tragischen Verlusts von fünf Frauen, darunter auch ein junges Mädchen, an einem einzigen Tag in Wien zeigten sich Frauensprecherin Dolores Bakos und NEOS Wien erschüttert. „Dem Kampf gegen Gewalt gegen Frauen und allen voran Präventionsarbeit muss endlich oberste Priorität auf absolut allen politischen und gesellschaftlichen Ebenen eingeräumt werden“, so Bakos.

Der Wiener FPÖ-Chef Dominik Nepp sieht eine Eskalation der Gewalt in Wien. Er forderte „eine rigorose Abschiebe-Politik“ und einen Asylaufnahmestopp für die Hauptstadt. Für FPÖ-Sicherheitssprecher NAbg. Hannes Amesbauer trägt die schwarz-grüne Bundesregierung „Mitverantwortung“ für die Tat in der Brigittenau.

Die LINKS-Bezirksrätin Hannah Luschnig und ihr Kollege Stefan Ohrhallinger riefen indes für Samstagabend zu einer Gedenkkundgebung in der Brigittenau gegen Femizide auf. Ab 18.00 Uhr würden in der Nähe des Tatorts in der Engerthstraße, Ecke Traisengasse bis zu 100 Teilnehmende zum gemeinsamen Trauern erwartet. „Femizide sind die tödlichste Form der täglichen Gewalt, die von Demütigungen über Übergriffe und Drohungen bis hin zu Körperverletzungen und Mordversuchen geht“, sagte Luschnig.

In Österreich finden Frauen, die Gewalt erleben, u. a. Hilfe und Informationen bei der Frauen-Helpline unter: 0800-222-555, frauenhelpline.at; beim Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser (AÖF) unter aoef.at; der Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie/Gewaltschutzzentrum Wien: interventionsstelle-wien.at und beim 24-Stunden Frauennotruf der Stadt Wien: 01-71719 sowie beim Frauenhaus-Notruf unter 057722 und den Österreichischen Gewaltschutzzentren: 0800/700-217; Polizei-Notruf: 133

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