Anker für junge Long-Covid-Patienten

Seit dem Frühjahr 2020 gibt es im „kokon“, der Reha für junge Menschen, jeden Monat einen Turnus für Betroffene

Alle Hände voll zu tun hat Beate Biesenbach, Fachärztin für Kinder- und Jugendheilkunde in der Reha-Einrichtung für junge Menschen „kokon“ in Rohrbach-Berg, mit jungen Long-Covid-Patienten.
Alle Hände voll zu tun hat Beate Biesenbach, Fachärztin für Kinder- und Jugendheilkunde in der Reha-Einrichtung für junge Menschen „kokon“ in Rohrbach-Berg, mit jungen Long-Covid-Patienten. © kokon

Obwohl sich der Ausbruch der Corona-Pandemie auch hierzulande bereits zum vierten Mal jährt, steckt die Versorgung von Patienten mit Long Covid immer noch in den Kinderschuhen.

„Gezeigt hat sich mittlerweile aber, dass zwei Gruppen auffällig häufiger von den langfristigen Auswirkungen einer SARS-CoV-2-Infektion betroffen sind“, sagt Beate Biesenbach, Fachärztin für Kinder- und Jugendheilkunde und stv. Ärztliche Direktorin, im Gespräch mit dem VOLKSBLATT: „Es sind Jugendliche im Alter zwischen 14 und 18 Jahren und Erwachsene um die 40 Jahre – und da primär Frauen.“

Die Gründe, warum manche Menschen trotz mildem Verlauf der Akutinfektion später so schwer erkranken, beschäftigt zwar die Medizin. Noch immer ist es für viele Betroffene aber ein Spießrutenlauf, Hilfe zu finden. Es fehlen in ganz Österreich die Strukturen im niedergelassenen Bereich sowie Spezialambulanzen an den Kliniken.

Post-Covid-Turnus ist ständig ausgebucht

Im „kokon“, der Reha für junge Menschen in Rohrbach-Berg, hat man schon im Frühjahr 2020 mit einem Turnus für Patienten, die eine Covid-Infektion durchgemacht hatten, gestartet.

„Jeden Monat gibt es fünf neue Plätze für junge Post-Covid-Patienten, die rasch ausgebucht sind. Sie bleiben in der Regel vier bis sechs Wochen, oft ist die Diagnose bei der Aufnahme nicht gesichert, sondern es wird nur der Verdacht geäußert. Ohne Codierung fehlt diese jedoch wieder für die Statistik, weshalb wir in Österreich keine validen Daten zur Häufigkeit des Long-Covid-/Post-Covid-Syndroms im Kindes- und Jugendalter haben“, schildert Biesenbach: „Wir hatten schon 150 junge Menschen aus ganz Österreich bei uns zur Therapie, manche sogar mehrmals. Einige junge Patienten mussten die Reha vorzeitig abbrechen, um eine weitere Verschlechterung zu vermeiden. Das heißt, sie waren selbst für einen Reha-Alltag zu wenig belastbar.“

Die Beschwerden der Patienten sind sehr unterschiedlich, aber einige Gemeinsamkeiten kristallisieren sich für Biesenbach heraus. „Eine Gruppe hat deutliche Kreislaufprobleme beim Aufsitzen im Bett, beim Aufstehen, längeren Stehen oder auch langsamen Gehen – kombiniert mit Herzklopfen oder -rasen und Schwindel. Zwei Drittel der Patienten bekommen bei uns die Neudiagnose POTS (Posturales Tachykardiesyndrom), eine Fehlregulation des autonomen Kreislaufsystems. Auch Kopfschmerzen, Übelkeit und Konzentrationsprobleme können dadurch bedingt sein. Ein einfacher Kreislauftest mit Blutdruck und Pulsmessung im Liegen und Stehen kann das abbilden“, schildert die Fachärztin.

Auch neu aufgetretene Magen-Darmbeschwerden wie Übelkeit, Bauchschmerzen oder Verstopfung kämen vor. „Hier gilt es, eine Überreaktion der Mastzellen wie auch erneut Störungen des autonomen Nervensystems, sogenannte Dysautonomie-Hinweise, abzuklären. Bei einer kleinen Gruppe führen die Beschwerden zu relevanten Ernährungsproblemen, die bis zur Sondenernährung führen können“, erklärt die Ärztin: „Muskuläre Schwäche, Atemprobleme und eine generelle Verschlechterung nach geringer Belastung sind ebenfalls häufig. Letzteres nennt man PEM (Post-Exertional Malaise) und unterscheidet die Gruppe von untrainierten oder aber auch depressiven Jugendlichen.“

Viele versuchten den Alltag noch irgendwie zu schaffen, hätten aber darüber hinaus keine Energie mehr. Gezeigt hätte sich bei den jüngeren Kindern, zwischen acht und zehn Jahren, dass sich ihr bestehendes Asthma durch eine SARS-CoV-2-Infektion verschlechtere, ebenso treten bei jenen mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) mehr Symptome auf.

Symptom-Bekämpfung nach Ausschlussdiagnostik

Erst wenn andere Erkrankungen durch medizinische Tests und Untersuchungen ausgeschlossen werden konnten und zwei unterschiedliche Symptome übrig bleiben, geht die Medizin von Long Covid aus. Allerdings gilt auch hier, je früher Klarheit herrscht, desto rascher kann mit der Symptom-Bekämpfung begonnen und der Verlauf vielleicht etwas abgemildert werden.

„Neben medikamentösen Ansätzen versuchen wir mittels Physio-, Ergo- und Psychotherapie die Betroffenen innerhalb ihrer individuellen Belastungsgrenze zu betreuen, dabei lernen sie selbst diese Grenzen zu erkennen und sich den Tag bzw. die Woche besser einzuteilen – das Konzept wird Pacing genannt. Wiederholtes Überschreiten der Grenze, aber auch Reinfektionen können zu einer Verschlechterung führen, die Betroffenen und ihr Umfeld (Schule, Lehre etc.) müssen deshalb gut informiert werden, denn oft wird die Erkrankung rein psychisch interpretiert“, so Biesenbach.

Fakt sei jedoch, dass die Long-Covid-Jugendlichen wieder in ihr altes Leben bzw. ihren Alltag mit Schule, Freunden, Freizeitaktivitäten zurückkehren wollen, aber nicht können. Deshalb bekämen alle Schulen von der Reha-Einrichtung eine ärztliche Stellungnahme, wie der Alltag der Betroffenen unterstützt werden könne.

Von Michaela Ecklbauer

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