„Cool, zwei Ohren zu haben“

Esna kam nur mit einem Ohr zur Welt. Mit zehn Jahren wurde ihr jetzt in einer High-Tech-Operation in Wien aus Rippenknorpeln ein neues Ohr rekonstruiert. Das körpereigene Material hat den Vorteil, dass es noch mitwächst.

Prof. Sasan Hamzavi überprüft bei einer Nachuntersuchung das neue Ohr von Esna. © EKH Wien/Richter

„Cool, zwei Ohren zu haben!“ Diese berührenden Worte stammen von Esna Sinci, einer zehnjährigen Schülerin aus Tirol. Das Mädchen litt an einer angeborenen, extrem starken Deformität der rechten Ohrmuschel, die praktisch zu 90 Prozent nicht vorhanden war. Auch der Gehörgang und das Mittelohr waren missgebildet. Abgesehen von der optischen Beeinträchtigung belastete die Schülerin auch eine Schallleitungsstörung. Diese vermittelte ihr ständig das Gefühl, als laufe sie mit einem Gehörschutz herum.

Aus Rippenknorpeln wurde ein neues Ohr

Im Rahmen einer sechsstündigen High-Tech-Operation, wurden ihr am Evangelischen Krankenhaus in Wien mithilfe von Knorpelmasse aus den Rippen 6 bis 8 die Fehlbildungen Schritt für Schritt korrigiert und in bildhauerischer Akribie ein anatomisch dem anderen Ohr angepasstes, dreidimensionales Ohrmuschelgerüst gebaut. Seither ist sie ganz stolz auf das neue Ohr. In den ersten sechs Wochen musste die Schülerin zwar noch eine Art Schutzkappe über dem Ohr tragen, damit sie keine Entzündung der Gehörgänge erleidet.
Dass das Mädchen künftig, wie fast jeder Mensch, mit zwei nahezu spiegelgleichen Ohrmuscheln durch die Welt gehen wird, verdankt sie zwei HNO-Spezialisten, die unter anderem in Kanada und in Deutschland Spezialausbildungen für derartige komplexe Eingriffe absolviert haben: Prof. Sasan Hamzavi und Prof. Boban Erovic.

Körpereigenes Material wächst noch mit

„Rekonstruierte Ohrmuscheln aus körpereigenem Knorpelmaterial haben die Eigenschaft, dass sie noch etwas mit dem Körper mitwachsen, was im Fall der kleinen Patientin von Vorteil ist. Wir können damit aber auch sehr komplexe Fehlbildungen der Ohrmuschel in mehreren Schritten korrigieren“, erläutert Hamzavi. Die Wiederherstellung mithilfe von Knorpelmasse aus den Rippen ist ein bereits standardisiertes und mehrfach weiterentwickeltes High-Tech-Verfahren, das auch die Rekonstruktion bei sehr komplizierten Deformitäten ermöglicht. Da körpereigene Materialien verwendet werden, treten auch weniger Komplikationen auf.

Im Rahmen einer zweiten Operation, die vor kurzem stattfand, wurde die Falte hinter dem Ohr ausgebildet. Dafür wurde ein vom Bauch entnommenes Hauttransplantat verwendet. Wenn keine Komplikationen auftreten, kann das Mädchen in etwa einem halben Jahr ein provisorisches Implantat erhalten, damit sie besser hört. „Ist Esna mit dem Hör-Ergebnis zufrieden, kann in der Folge ein Implantat unter der Haut eingesetzt werden“, erklärt Prof. Hamzavi dem VOLKSBLATT.