Corona-Krise – 24-Stunden-Pflege von Angehörigen: „Ich funktioniere“

Es ist 3.25 Uhr. Gertraud Krobath steht in dieser Nacht zum zweiten Mal auf, um ihrem 91-jährigen Vater die verrutschte Sauerstoffmaske zu richten, damit er genug Luft bekommt.

Seit Ende März kümmert sich die 60-jährige Steirerin allein um ihn. Die slowakischen 24-Stunden-Betreuer, die das eigentlich machen, können aufgrund des Coronavirus nicht einreisen. Daher schultert sie nun diese Aufgabe.

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„Belastend ist es, aber ich mache es aus Liebe zum Vater“, schildert die Frau im Interview mit der APA ihre aktuelle Lebenssituation. Sie und ihr Vater leben zum Glück im gleichen Haus, in der kleinen Ortschaft Kroisbach an der Feistritz in der Oststeiermark.

Hilfe von Außen etwa durch Pflegedienste oder Zivildiener, um den Vater zu pflegen, will Krobath so lange wie möglich nicht in Anspruch nehmen – zu groß ist die Angst, dass das Coronavirus ins Haus eingeschleppt wird.

Denn die mobilen Stützen halten sich ja nicht nur ausschließlich in einem Haushalt auf, sondern helfen vielen Menschen. Da ist ihrer Meinung nach Ansteckungsgefahr gegeben.

„Virus muss draußen bleiben“

„Das Virus muss draußen bleiben“, lautet Krobaths Mantra, das sie motiviert – vor allem, wenn sie müde und erschöpft ist. Denn der Vater habe trotz seiner Krankheiten wie Herz- und Niereninsuffizienz sowie starken Einschränkungen – er ist vom zehnten Brustwirbel abwärts gelähmt – einen starken Lebenswillen: „Ich will nicht Schuld daran sein, dass er sich vielleicht ansteckt und stirbt.“

Wie vielen Angehörigen in Österreich es im Moment ähnlich wie der Steirerin geht – die also in der Corona-Krise plötzlich die Betreuung pflegebedürftiger Familienmitglieder übernehmen mussten – lässt sich schwer eruieren. Denn konkrete Zahlen gibt es nicht.

Laut der Pflegeexpertin des Roten Kreuzes, Monika Wild, würden „zu normalen Zeiten“ rund sechs Prozent der Pflegegeldbezieher von 24-Stunden-Betreuern gepflegt, verweist sie im APA-Gespräch auf Angaben des Sozialministeriums und der Statistik Austria.

Zusätzlich gibt es eine aktuelle Bedarfsanalyse des Fachverbandes für Personenbetreuer in der Wirtschaftskammer Österreich, wonach bis Ende April circa 500 24-Stunden-Betreuerinnen und -Betreuer fehlen würden, wie es auf APA-Nachfrage heißt.

Wie lange Krobath den physischen und psychischen Anforderungen, die die Pflege ihres Vaters mit sich bringen, Stand halten kann, weiß sie nicht. Sie selbst ist 60 Jahre alt. Ihr Vater bringt 140 Kilogramm auf die Waage. Allein das ist bei der Pflege eine Herausforderung.

Zumindest ist der neue Alltag schon Routine: Waschen, Anziehen, Medikamente geben, in den Rollstuhl hieven, für Essen und Unterhaltung sorgen und gleichzeitig den Haushalt stemmen.

14 Stunden am Tag muss der Pflegebedürftige mit Sauerstoff versorgt werden. In der Nacht ist Krobath auf Stand-by und über ein Babyphone mit dem Schlafzimmer ihres Vaters verbunden.

Ihr Schlaf ist so leicht, dass sie sofort am veränderten Atemgeräusch erkennt, wenn die Sauerstoffmaske wieder einmal verrutscht ist und gerichtet werden muss.

„Solange ich stehen und gehen kann, kümmere ich mich um den Vater“, hofft Krobath auf ihre Kräfte. Was wenn das nicht mehr geht? Damit möchte sie sich jetzt nicht befassen, sagt sie.

„Im Moment funktioniere ich. Zum Glück komme ich nicht zum Nachdenken.“ Ihre Hoffnung ist, dass sich die Situation bald ändert und dass Wege gefunden werden, um den Betreuern aus dem Ausland eine leichtere Einreise zu ermöglichen.

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