Corona-Krise ließ Sorge vor finanziellen Problemen wachsen

Die Corona-Krise hat die Sorge der Bevölkerung vor finanziellen Problemen wachsen lassen. Zwar waren laut Statistik Austria im Jahr 2020 nur 2,7 Prozent „erheblich materiell benachteiligt“ – womit sich diese Zahl in den letzten zwölf Jahren halbiert hat, wie Statistik-Austria-Generaldirektor Tobias Thomas am Donnerstag erklärte. „Mit der COVID-19-Pandemie haben die finanziellen Sorgen allerdings deutlich zugenommen“, sagte er. Armutsgefährdet waren 2020 13,9 Prozent.

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie sind in dieser im 1. Halbjahr 2020 (März bis Juli) erhobenen Statistik („European Union Statistics on Income and Living Conditions, EU-SILC“) noch nicht enthalten. Allerdings zeigte sich bei den Erwartungen der Befragten (bezogen auf die nächsten zwölf Monate) eine pessimistischere Sicht als in den Vorjahren. Während 2018 und 2019 nur neun bzw. acht Prozent der Bevölkerung mit einer Verschlechterung rechneten, glaubten 2020 15 Prozent, dass sich ihre finanzielle Situation innerhalb des nächsten Jahres verschlechtern werde. Zudem sagten insgesamt 21 Prozent, dass ihr Haushaltseinkommen während der letzten zwölf Monate weniger geworden sei. Als Grund dafür wurde in 21 Prozent der Fälle Jobverlust oder Konkurs des eigenen Unternehmens genannt.

Laut den am Donnerstag von der Statistik Austria veröffentlichen Daten galten 2020 rund 1.222.000 Personen (bzw. 13,9 Prozent) der österreichischen Bevölkerung als armutsgefährdet. Dies trifft auf all jene zu, die ein relativ zum mittleren Einkommen gesehen niedriges Haushaltseinkommen hatten (weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens). 2,7 Prozent der Bevölkerung (233.000 Personen) waren „erheblich materiell benachteiligt“ – das bedeutet, sie konnten sich mehrere „grundlegende Ausgaben zur Sicherung des Mindestlebensstandards“ nicht leisten. Seit dem Beginn des Erhebungszeitraumes im Jahr 2008 hat sich dieser Armutsindikator um mehr als die Hälfte verringert (2008: 5,9 Prozent). Unter den unter 60-Jährigen wurde 2020 von 7,1 Prozent nur eine geringe Erwerbsintensität erreicht.

Im Vorjahr waren damit 17,5 Prozent der Bevölkerung von einem oder mehreren dieser Indikatoren betroffen und daher laut EU-Definition armuts- oder ausgrenzungsgefährdet. 2019 waren es 16,9 Prozent. Zum Vergleich: der EU-Schnitt lag damals bei 21,4 Prozent (für 2020 liegen noch keine EU-Daten vor).

Sozial- und Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne) sprach von „besorgniserregenden“ Zahlen. „Die Bekämpfung von Armut ist mir ein großes Anliegen“, sagte er in einer Aussendung. „Das ambitionierte Vorhaben der Bundesregierung ist es, die Zahl der armutsgefährdeten Menschen in Österreich zu halbieren. Dieses Ziel werden wir durch die COVID-19-Pandemie weder revidieren noch relativieren.“ Im Gegenteil müsse man jetzt die Anstrengungen zur Armutsvermeidung noch verstärken. Sein Haus arbeite intensiv an einer nationalen Strategie „Chancen gegen Armut“. Auch verwies Mückstein auf eine bereits gesetzte „Reihe von Sofortmaßnahmen“ zur Bekämpfung von COVID-19-bedingter Armut.

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Seitens der SPÖ hieß es, man unterstütze Mückstein bei seinen Zielen zur Armutsbekämpfung. „Wenn die Regierung das erreichen will, wird sie aber etwas tun müssen, nicht nur reden“, sagte SPÖ-Sozialsprecher Josef Muchitsch. Er fordert die Regierungsparteien in einer Aussendung dazu auf, die SPÖ-Vorschläge für ein höheres Arbeitslosengeld, eine existenzsichernde Mindestsicherung sowie die Unterhaltsgarantie für Kinder von Alleinerziehenden und für die „Aktion 40.000 gegen die grassierende Langzeitarbeitslosigkeit“ gemeinsam zu beschließen.

Caritas-Präsident Michael Landau erklärte, er befürchte, dass die aktuellen Zahlen lediglich „die Ruhe vor dem Sturm“ sind. „Was die amtliche Statistik noch nicht berücksichtigt, spürt die Caritas bereits jetzt in ihren Einrichtungen.“ Die Situation habe sich für viele Menschen verschärft. „Aus den Sozialberatungsstellen wissen wir, dass Erspartes bei vielen längst aufgebraucht ist und gleichzeitig die Miet- und Stromrückstände stark ansteigen. Insbesondere die vermehrten Anfragen für Lebensbedarf und Lebensmittel sind ein alarmierendes Signal“, so Landau, der einen „dringenden Handlungsauftrag“ für die Regierung ortete. „Wir brauchen einen sozialen Wiederaufbauplan für Österreich – und zwar jetzt“, erneuerte er seine bekannte Forderung.

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