Corona-Krise: So schaut die „neue Normalität“ in China aus

Es ist nicht nur ihr Mundschutz, der zeigt, dass die Menschen in Wuhan noch weit von der Normalität entfernt sind. Auch Fieberkontrollen gibt es noch überall. Viele Barrikaden, die Häuser und Straßen abgeriegelt hatten, sind nicht weggeräumt. In die blauen Sperrwände auf Fußwegen sind nur Öffnungen geschnitten worden, damit Kunden zu den wieder geöffneten Geschäften gelangen können.

Auch die Schulen haben noch nicht wieder begonnen. Und wie vorher kontrollieren Mitglieder der Nachbarschaftskomitees streng die Zugänge zu Wohnanlagen – wissen genau, wie es jedem geht.

Vor zwei Wochen wurde die Abriegelung des Ursprungsortes der Pandemie aufgehoben. Es war ein Signal, dass China das Coronavirus unter Kontrolle hat. Wer heute wissen will, wie das Leben danach aussieht, kann nach China und ganz besonders in die Elf-Millionen-Metropole schauen. Eins wird sofort klar: Das Virus bestimmt weiter das Leben. Und die Angst sitzt hier, wo im Dezember alles begann, besonders tief. Kein Ort in China war so schwer betroffen wie Wuhan.

„Ich gehe weiter nicht raus zum Essen oder Einkaufen“, sagt eine 25-jährige Studentin namens Zhu, die in den USA studierte, aber bei einem Besuch zum Neujahrsfest durch den Ausbruch des Virus in ihrer Heimatstadt gestrandet war. „Ich ziehe es vor, online Gewand oder notwendige Dinge zu kaufen, statt einkaufen zu gehen.“

Online kann sie jetzt auch studieren. Ihr Semester in Wirtschaftswissenschaften an der Stony Brook Universität im US-Bundesstaat New York wurde wegen der Ausbreitung des Coronavirus in den USA auf Fernstudium umgestellt. „Es ist nicht schlimm, wenn ich nicht vor die Tür gehe“, sagt die 25-Jährige. „Und wenn ich mal rausgehe, versuche ich, andere Leute zu meiden oder nicht mit ihnen von Angesicht zu Angesicht zu sprechen.“

Grüner QR-Code Pflicht

Wenn die Studentin die Wohnanlage verlässt, muss sie nicht nur Fieber messen lassen, sondern auch auf einer in China jetzt überall eingesetzten Handy-App einen grünen QR-Code vorweisen. Er soll nachweisen, dass sie gesund ist und keinen Kontakt zu Infizierten hatte. „Ich trage einen Mundschutz und Handschuhe“, sagt die 25-Jährige. „Und wenn ich zurückkomme, wasche ich mir die Hände und desinfiziere mein Smartphone gründlich mit Alkohol.“

Die Furcht vor einer „zweiten Welle“ ist groß. Bisher sind die Zahlen landesweit ungeachtet der Öffnung von Wuhan und der ebenfalls schwer betroffenen Provinz Hubei nicht wieder angestiegen. Die Vorsichtsmaßnahmen wurden auch nicht gelockert. Die Behörden haben Infektionsketten offenbar im Griff, schreiten sofort ein, isolieren Kontaktpersonen. Jeder, der an seinen Arbeitsplatz zurückkehrt, muss erst einen Corona-Test machen. 50.000 pro Tag schafft Wuhan.

Viele Orte in China fordern Untersuchungen und Quarantäne für Zugereiste von außerhalb. Besonders streng ist die Hauptstadt Peking, wo nicht einmal internationale Flüge landen dürfen. Die Gefahr droht jetzt vor allem durch „importierte Fälle“ – heimkehrende Chinesen, die vor dem Virus in Europa, den USA oder auch Russland flüchten. Für Ausländer ist die Grenze ohnehin dicht.

Im Nordosten an der russischen Grenze herrscht Krisenstimmung. Viele Chinesen, die keinen der nur noch wenigen Flüge nach China bekommen konnten, fliegen nach Wladiwostok im fernen Osten Russlands. Mit dem Bus sind es von dort nur gut zwei Stunden an die Grenze. Zwei von zehn seien infiziert, beklagen Funktionäre. Provisorisch wird in der Grenzstadt Suifenhe ein Krankenhaus mit 600 Betten gebaut.

In der nordostchinesischen Stadt Harbin hat eine aus den USA heimgekehrte Chinesin mindestens 50 Personen angesteckt. 18 Funktionäre wurden bestraft, weil sie nicht genügend aufgepasst haben sollen. Seit Mittwoch dürfen Besucher und Fahrzeuge von auswärts nicht mehr in Wohnbezirke der Stadt. 14 Wohnanlagen haben Ausgangssperren.

Im Supermarkt relativ normal

Alle 13 Stadtbezirke in Wuhan sind heute offiziell mit „niedrigem Risiko“ eingestuft. Mehr und mehr Autos und Leute sind auf den Straßen. „Im Supermarkt ist es ziemlich normal“, sagt Trainer Wang Tianchen. „Aber der Gemüsemarkt ist noch geschlossen.“ Auch Wangs Fitnessstudio darf noch nicht wieder aufmachen. Der 45-Jährige hat selbst eine SARS-CoV-2-Infektion überstanden – anders als seine Schwiegermutter. Er fürchtet sich aber eigentlich nicht vor einer erneuten Ansteckung. Doch wenn er heimkommt, besprüht er seine Jacke mit Alkohol zur Desinfektion und hängt sie eine Weile an die Luft.

Die anhaltenden, weitreichenden Kontrollen im Kampf gegen das Virus findet Trainer Wang wie viele andere keineswegs überzogen. „Es ist nicht zu streng, eher angemessen. So sollte es weiter sein“, sagt er. Wo einige von der „neuen Normalität“ oder auch „Abnormalität“ sprechen, sagt Wang: „Wir sind im Übergang von abnormal zu normal. Es könnte länger oder kürzer dauern – nicht sicher.“

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