Corona verschärft Armut infolge von Überschuldung

Jobverlust führt oft direkt in die Armut. „Die Coronakrise verschärft die Situation“, betont der Geschäftsführer der Schuldnerberatung Niederösterreich, Michael Lackenberger. Seit Mitte 2020 gerieten auch zunehmend Menschen aus der klassischen Mittelschicht plötzlich in eine finanzielle Schieflage. Besonders hart treffe es jene, die bereits vor der Pandemie Schulden hatten. Die Zahl der Privatkonkurse war dank staatlicher Intervention – vorerst – dennoch massiv rückläufig.

„Wir befinden uns in einer Phase, die ich die ‚Ruhe vor dem Sturm‘ nennen würde“, rechnet Lackenberger mit einem „Run“ auf die Schuldenberatungsstellen – mit Arbeitslosen und gescheiterten Selbstständigen als Hauptgruppen. Denn eine höhere Arbeitslosenquote ziehe immer zeitverzögert einen Zuwachs bei den Beratungen nach sich. „2022 rechnen wir mit einem Anstieg der Klienten um 36 Prozent“, sagte der Schuldenexperte am Montag in einem Online-Pressegespräch. Hinzu kämen dann noch eventuell ehemalige Selbstständige, die es nicht durch die Krise geschafft haben.

Im ersten Coronajahr verringerte sich die Zahl der Privatkonkursanträge gegenüber 2019 noch um 24,9 Prozent auf 7.936, geht aus dem aktuellen Schuldenreport 2020 hervor. Tatsächlich eröffnet wurden 7.296 Schuldenregulierungsverfahren – ein Minus von 23,2 Prozent. Zwei Drittel davon (67 Prozent) wurden von einer kostenlosen Schuldenberatung begleitet.

Ursache für den paradox anmutenden Rückgang waren der coronabedingte weitgehende Stillstand der Justiz und die in der Krise gesetzten Maßnahmen der Regierung, vor allem die gesetzlichen Stundungen. Sobald aber die Stundungen, Förderungen und Kurzarbeitsmodelle auslaufen, dürften die Insolvenzen in die Höhe gehen. „Das finanzielle Problem ist nicht geringer geworden – die Schulden sind da und müssen beglichen werden“, hielt der Geschäftsführer der ASB Schuldnerberatungen GmbH (asb), Clemens Mitterlehner, fest. Die Stundungen verschafften nur „eine Verschnaufpause“.

Eine große Gruppe in den Schuldenberatungsstellen machen jetzt schon die ehemaligen Selbstständigen aus. „Es ist zu befürchten, dass diese Personengruppe unsere Hilfe künftig stärker brauchen wird“, sagte Mitterlehner. Die asb ist die Dachorganisation der zehn staatlich anerkannten Schuldenberatungen in Österreich, die den Betroffenen unentgeltlich zur Verfügung steht. Die Beratungsstellen werden mit öffentlichen Mitteln finanziert.

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2020 wurden österreichweit 54.688 überschuldete Menschen von 134 Beratern an 73 Standorten begleitet und betreut. 38 Prozent der Ratsuchenden waren arbeitslos – das waren mehr als im Jahr davor (35 Prozent). 42 Prozent hatten nur die Pflichtschule als höchsten Bildungsabschluss, bei den jungen Klienten waren es sogar 47 Prozent. Zum Vergleich: In der Gesamtbevölkerung liegt der Wert bei 25 Prozent. Erwerbslose und schlecht ausgebildete Menschen haben das größte Risiko, in Überschuldung und Armut zu geraten, so die Erfahrung in den Beratungsstellen. Im Schnitt waren die Klienten mit 59.906 Euro überschuldet. Es gibt allerdings eine hohe Dunkelziffer an Überschuldeten, denn seit 2008 werden in Österreich nur noch jene erfasst, die sich an eine der staatlichen Beratungsstellen gewendet haben. „Es fehlen die Fakten“, vermisst Mitterlehner die jährliche Erhebung einer Überschuldungsquote in Relation zur Gesamtbevölkerung, die regional und nach Alter und Geschlecht auswertbar ist, um gezielt sozialpolitische Maßnahmen setzen zu können. In Deutschland liege diese Quote bei knapp 10 Prozent, was dort 6,89 Millionen Menschen entspreche.

Bei den Gründen für die Überschuldung führte 2020 mit Abstand Arbeitslosigkeit (32,9 Prozent). Dahinter rangieren mangelhafter oder ungeplanter Umgang mit Geld (20,1 Prozent), gescheiterte Selbstständigkeit (19,6 Prozent), Scheidung oder Trennung (13,9 Prozent), persönliche Härtefälle (10,7 Prozent) und Wohnraumbeschaffung (9,6 Prozent). „Unsere Kinder brauchen unabhängige Basisfinanzbildung im Laufe ihrer Pflichtschulzeit“, so Mitterlehners dringender Appell.

Fast jeder dritte Klient hatte dem aktuellen Schuldenreport zufolge monatlich höchstens 1.000 Euro. Ein Viertel war 30 Jahre oder jünger – davon waren 43 Prozent arbeitslos. Der jüngere Klient sei auch schlechter ausgebildet als die durchschnittliche Klientel. Das erschwere die Arbeitssuche. Gleichzeitig sind die Unternehmen in der Krise sparsam mit Neueinstellungen, meist kämpfen sie vielmehr damit, das bestehende Personal halten zu können.

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