„Corona war nur ein Warnschuss von Mutter Erde“

Menschenrechtsaktivistin Waris Dirie eröffnet das Brucknerfest

Waris Dirie
Waris Dirie © Desert Flower Foundation 2020

Die Menschenrechtsaktivistin Waris Dirie wurde 1965 in Somalia geboren, als Fünfjährige durchlitt sie die Grausamkeit einer genitalen Verstümmelung. Viele Jahre später schrieb sie darüber in ihrer Autobiografie „Wüstenblume“. Am 13. September spricht Waris Dirie bei der Eröffnung des Internationalen Brucknerfestes in Linz.

VOLKSBLATT: Sie sind in Somalia aufgewachsen, haben eine internationale Topmodelkarriere gehabt, kämpfen seit Jahrzehnten mit vollem Einsatz für die Grundrechte von Menschen – wo sehen Sie sich in zehn Jahren? Werden Sie noch immer für andere kämpfen?

WARIS DIRIE: Natürlich! Ich setze mich schon heute massiv für Bildung in Afrika ein. Laut UNESCO sind 34 Prozent der Afrikanerinnen, das sind 400 Millionen Menschen, immer noch Analphabeten. Besonders betroffen sind Frauen und Mädchen. Die Zahl steigt auf Grund der Bevölkerungsexplosion jährlich an. Länder mit hoher Analphabeten-Rate in Afrika gehören zu den ärmsten Ländern der Welt, sie haben die höchste Geburtenrate und leider auch die höchste Rate an weiblicher Genitalverstümmelung. Nur Investition in Bildung kann all das Leid und die Hoffnungslosigkeit der Menschen beenden.

Sie haben in Ihrem Leben bereits so viele Auszeichnungen bekommen — welche bedeutet Ihnen am meisten?

Alle Auszeichnungen, egal ob mich der französische Präsident Nicolas Sarkozy zum Ritter der Ehrenlegion im Elysee Palast ernannt hat oder ein kleines Dorf in Sierra Leone mir in einer Buschhütte die Ehrenbürgerschaft verliehen hat, bedeuten mir gleich viel. Sie zeigen Wertschätzung und Zustimmung für meine Arbeit im Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung, einem grausamen und ungeheuren Verbrechen an unschuldigen kleinen Mädchen.

Sie beschäftigen sich stark mit Menschen und ihren Traditionen und auch dem notwendigen Bruch mancher Traditionen. Was denken Sie über österreichische Traditionen?

Ich liebe mein Österreich und alle Traditionen, solange diese keinem anderen Lebewesen Schaden zufügen.

Welche müssten vielleicht einmal gebrochen werden?

Die, die den Menschen körperlichen und/oder seelischen Schaden zufügen.

Ihr Leben hat an so vielen Orten stattgefunden – wo ist Ihr Zuhause?

Als Nomadin fühle ich mich überall dort zu Hause, wo ich gerade lebe. Mutter Erde ist mein Zuhause.

Worüber werden Sie bei der Eröffnung des Brucknerfestes am Sonntag in Linz sprechen?

Wie Gier, Geiz, Intoleranz, Ignoranz, Respektlosigkeit und Dummheit unsere Gesellschaft und unseren Planeten immer mehr zerstören.

Wie erleben Sie diese Zeit der Corona-Pandemie? Auch ganz persönlich?

Malerei ist meine große Leidenschaft. Ich habe die Zeit genutzt, um viele farbenfrohe Bilder zu malen.

Was denken Sie, was die Menschen aus der Corona-Krise lernen werden?

Als Nomadenmädchen, das in der Wüste aufgewachsen ist, habe ich gelernt, Mutter Erde zu respektieren und zu achten. Sie ist immer stärker als wir Menschen und nicht sie, sondern wir sind von ihr abhängig. Corona war nur ein Warnschuss von Mutter Erde. Respektiert Mutter Erde, denn sonst wird sie euch eine Lehre erteilen, die ihr nie mehr vergessen werdet.

Interview: Mariella Moshammer

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