Coronavirus: Europa lockert seine Maßnahmen

Europa, hier etwa die Hälfte der Länder, sowie weitere Staaten weltweit lockern ihre Maßnahmen im Kampf gegen das Coronavirus. Der Wunsch nach Normalität verdrängt in Österreich die Angst vor Ansteckung.

Laut Gallup-Umfrage fürchtet nur jeder Zweite, sich anzustecken, gegenüber 74 Prozent vor einem Monat. Die Zahl jener, die glauben, dass die Gefahr übertrieben wird, stieg von 20 Prozent auf 31 Prozent.

44 Staaten in der europäischen Region seien mit teilweisen oder vollständigen Bewegungsbeschränkungen gegen die Pandemie vorgegangen, sagte der Direktor des WHO-Regionalbüros Europa, Hans Kluge, am Donnerstag.

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21 davon hätten mittlerweile begonnen, einige diese Maßnahmen in unterschiedlichem Maße wieder zu lockern. Elf weitere planten dies in den kommenden Tagen. Zurücklehnen dürfe man sich im Kampf gegen die Covid-19-Erkrankung aber nicht, warnte Kluge.

Noch nicht so weit ist man in Deutschland, wo die Beschränkungen mindestens um eine Woche bis zum 10. Mai verlängert werden. Bis dahin solle das „wesentliche Paket“ in Kraft bleiben, sagte Kanzleramtsminister Helge Braun (CDU). Über weitere Öffnungsschritte wollen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten erst am 6. Mai entscheiden. Bis Auflagen waren zunächst bis zum 3. Mai befristet.

Bis Donnerstagvormittag wurden in Deutschland mehr als 159.000 Infektionen mit dem Coronavirus registriert (Vortag: mehr als 157.500 Infektionen). Mindestens 6.135 Infizierte sind bisher gestorben (Vortag: 6.056). Die Reproduktionszahl lag nach Schätzungen des Robert Koch-Instituts (RKI) mit Stand Mittwoch bei 0,75. Das bedeutet, zehn Infizierte stecken im Schnitt 7,5 Menschen an. Die Zahl der Neuinfektionen sinkt somit leicht.

Führende Forschungsorganisationen in Deutschland sind sich einig, dass eine konsequente Eindämmung des Coronavirus Sars-CoV-2 aus epidemiologischer Sicht im Moment die „einzig sinnvolle Strategie“ ist. „Das Erreichen einer “Herdenimmunität„ würde nach den bisher vorliegenden Daten einen Zeitraum von einigen Jahren erfordern, wenn das Gesundheitssystem nicht überlastet werden soll.“

Der effektive Reproduktionsfaktor des SARS-Cov-2 in Italien liegt mittlerweile in allen Regionen unter 1. „Die Epidemiekurve sinkt in allen italienischen Regionen“, sagte der Präsident von Italiens Oberstem Gesundheitsinstitut ISS, Silvio Brusaferro. Die Zahl der Infektionsherde haben sich auf 74 Gemeinden in sieben Regionen reduziert. „Wir sind jetzt besser in der Lage, diese rechtzeitig zu lokalisieren und einzugrenzen.“ 84 Prozent der circa 27.000 Covid-19-Todesopfer in Italien litt an zwei oder drei Vorerkrankungen.

In Russland ist die Zahl der Todesopfer durch das Coronavirus auf mehr als 1.000 gestiegen, die Zahl der offiziell diagnostizierten Infektionen liegt bei mehr als 100.000. Bis Donnerstag wurden nach Behördenangaben 1.073 Todesfälle durch das Virus und 106.498 Infektionen registriert. Am schwersten betroffen sind Moskau und Umgebung sowie St. Petersburg. Aber auch in den Regionen, wo die Gesundheitsversorgung deutlich schlechter ist, breitet sich das Virus weiter aus.

Die verbesserte Luftqualität in Europa aufgrund der Corona-Beschränkungen hat gesundheitliche Vorteile gebracht, die einer Vermeidung von 11.000 Todesfällen gleichkommen. Der Wert sei auf eine Verringerung der Stickstoffdioxid-Belastung um 40 Prozent und eine Abnahme der Feinstaubbelastung um zehn Prozent in den vergangenen 30 Tagen zurückzuführen, so das Centre for Research on Energy an Clean Air (CREA).

Ein britischer Weltkriegsveteran, der in den vergangenen Wochen knapp 30 Millionen Pfund an Spenden sammelte, hat am Donnerstag seinen 100. Geburtstag gefeiert. Zu den Gratulanten gehörten unter anderem die 94 Jahre alte Queen Elizabeth II. und Premierminister Boris Johnson.

In Zeiten des „social distancing“ hat ein indischer Fernsehmechaniker ein Spezialmotorrad gebaut, bei dem Fahrer und Sozius in meterweitem Abstand zueinander sitzen. „Jetzt kann ich mit meiner achtjährigen Tochter fahren und gleichzeitig einen sicheren Abstand halten“, sagte Partha Saha aus Agartala im nordöstlichen Bundesstaat Tripura.

Die Gesundheitsexpertin Claudia Wild kritisierte gegenüber dem „Standard“ (Donnerstagsausgabe) „Aktionismus“ der österreichischen Regierung und ihre „sehr autoritäre Politik“. Auch bezüglich der Maskenpflicht zeigte sie sich sehr skeptisch. „Man könnte den Menschen auch einfach sagen, dass sie weniger Kontakt miteinander haben sollten, anstatt es zu verbieten“, sagte die Geschäftsführerin des Austrian Institute for Health Technology Assessment (AIHTA). Vor einem „Blindflug“ aufgrund von fehlenden Zugängen zu Daten warnten schon Anfang April Wissenschafter in einem offenen Brief. Seither habe sich kaum etwas verändert, bemängelten nun Experten. „Diese ‚Message Control‘ nervt“, sagte der Grazer Public Health-Experte Martin Sprenger zur APA.

Ein viel größerer Personenkreis als die Corona-Infizierten selbst dürfte Folgeschäden erleiden. Dazu gehören laut Claas Röhl von Pro Rare Austria Personen mit seltenen Erkrankungen: „Es gibt einzelne Engpässe bei Medikamenten. Untersuchungen und Behandlungen werden ausgesetzt oder verschoben. Und der Kontakt zu den betreuenden Ärzten ist eingeschränkt. Das hat zum Teil nicht wieder gut zu machende Gesundheitsschäden zur Folge.“

Die seit 16. März geltenden Ausgangsbeschränkungen haben zwar zu einem Rückgang an Verkehrstoten geführt, trotz geringeren Verkehrsaufkommens wurde aber 35 Todesopfer verzeichnet. Im Vergleichszeitraum des Vorjahres waren es 52 Tote, im Jahr davor 45. Der Verkehrsclub Österreich (VCÖ) fordert verstärkte Maßnahmen gegen Raser.

Erfreuliche Nachrichten kamen aus der Innsbrucker Klinik: Ein am Coronavirus erkranktes betagtes Ehepaar (83 und 90) konnte nach 39 Tagen auf der Covid-Spezialstation entlassen werden. Insgesamt 502 an Covid-19 erkrankte Menschen befanden sich (Stand Donnerstagvormittag) in Krankenhäusern, 128 davon auf Intensivstationen. Insgesamt ist die Anzahl der positiven Testergebnisse auf 15.452 angestiegen, berichteten Gesundheits- und Innenministerium. Als aktuell angesteckt galten 1.961 Menschen. Die Anzahl der Toten stieg auf 584, jene der Genesenen auf 12.907.

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