Coronavirus: Experten über Schul-Öffnung uneinig

Über den „richtigen“ Zeitpunkt bzw. die genaue Ausgestaltung der Öffnung der Schulen nach dem Rückgang der Zahl der Coronavirus-Infizierten sind sich Experten wie auch die Staaten uneinig.

Die Vorschläge reichten zuletzt von einer baldigen Öffnung bis zum Absehen von regulärem Unterricht in diesem Schuljahr. Manche wollen die Öffnung zunächst für die Kleinsten, andere für die Ältesten.


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Der Blickwinkel hängt dabei klarerweise von der jeweiligen Disziplin ab – Bildungswissenschafter beurteilen dies anders als Epidemiologen, aber auch innerhalb der einzelnen Fachrichtungen gibt es teils divergierende Ansichten.

Die Vorgangsweise der einzelnen Staaten unterscheidet sich logischerweise auch je nach aktuellen Infektionszahlen.

Exemplarisch für den unterschiedlichen Umgang sind etwa in Deutschland die Stellungnahmen der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina sowie des Robert-Koch-Instituts.

Erstere empfahl zuletzt, zunächst die Abschlussklassen in den Grundschulen (in Österreich: Volksschulen) sowie den Schulen der Sekundarstufe 1 (in Österreich wären das AHS-Unterstufen, Neue Mittelschulen und Sonderschulen) und dann anschließend die vorangehenden Klassen in diesen Schulen zu öffnen – die Oberstufen müssten demzufolge warten.

Argument: Die Möglichkeiten des Fernunterrichts „können mit zunehmendem Alter besser genutzt werden“, so die Forscher. „Deshalb ist zu empfehlen, dass eine Rückkehr zum gewohnten Unterricht in höheren Stufen des Bildungssystems später erfolgen sollte“.

Anders das Robert-Koch-Institut: Die deutsche Behörde für Infektionskrankheiten mahnte zur Vorsicht und will Schulen zuerst wieder für die höheren Jahrgänge öffnen. Argument: Jugendliche könnten Abstandsregeln eher einhalten als Kinder – sie begründet ihre Stellungnahme nicht aus der bildungspolitischen, sondern der epidemiologischen Sicht.

Beide Sichtweisen mischt der Bildungswissenschafter Stefan Hopmann (Uni Wien) – allerdings mit dem Resultat, die Schulen bis zum Sommer gar nicht für den Regelbetrieb zu öffnen. Einerseits müssten Risikogruppen in den Familien geschützt werden, und andererseits sei es für die Beurteilung der Kinder ohnehin nicht nötig. Leistungen seien in diesem Schuljahr schon ausreichend erbracht worden, aufs Sitzenbleiben könne man verzichten, so Hopmann im „Kurier“ (Donnerstag-Ausgabe).

Weitere Divergenz: Die Leopoldina schlug vor, sich auf die Schwerpunktfächer wie Deutsch, Mathe und Fremdsprachen zu konzentrieren und die Kinder in aufgeteilten kleineren Gruppen bis zu 15 Kindern zeitversetzt zu unterrichten. Das hält Hopmann mit Verweis auf die Schulpraxis für realitätsfremd – dazu bräuchte man wesentlich mehr Lehrer und Raum als verfügbar.

Wieder einen anderen Zugang hat der Gesundheitswissenschafter Martin Sprenger (Uni Graz). Er schlug in einem Ö1-Podcast vor, die ersten acht Schulstufen und Kindergärten testweise in drei Bundesländern (Kärnten, Steiermark, Burgenland) für zwei bis drei Wochen zu öffnen. Sollten die Infektionszahlen steigen, womit er nicht rechnet, könne man wieder auf die Bremse steigen und anderenfalls in den restlichen Ländern nachziehen. So sollen Kindern wieder soziale Kontakte ermöglicht und Eltern entlastet werden.

Dementsprechend unterschiedlich sind auch die Strategien in den einzelnen Staaten: Während viele Länder derzeit ihre Schulen noch geschlossen halten, bereiten andere zumindest die Öffnung vor: Dänemark und Norwegen beginnen etwa mit den Volksschulen, Österreich startet mit Maturanten und Berufs- und BMS-Schülern im Abschlussjahr und Deutschland mit den diversen Abschlussklassen bzw. auch jenen, die im nächsten Jahr wichtige Prüfungen machen.

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