Coronavirus: Forscher versuchen die Zukunft zu errechnen

Corona-Krise lässt Köpfe und Computer rauchen — Kernfrage ist: Wie lange hält Bedrohung an?

Wie lange werden Corona-Krise und Beschränkungen anhalten? Schweizer und britische Wissenschafter liefern erste Hinweise auf einen Zeithorizont.
Wie lange werden Corona-Krise und Beschränkungen anhalten? Schweizer und britische Wissenschafter liefern erste Hinweise auf einen Zeithorizont. © allvision - stock.adobe.com; ahmet - stock.adobe.com

Wobei die international kursierenden mathematischen Modelle zunächst zwei markante Gemeinsamkeiten aufweisen: Erstens beruhen sie alle auf Annahmen auf Basis der bisherigen Corona-Historie.

Zweitens übernehmen sie die weiter bestehenden wissenschaftlichen Lücken bei der Erforschung des Krankheitserregers. Das heißt vorweg: Die mathematisch-statistischen Prognosen für Verlauf, Höhepunkt und Ende der Bedrohung sind technisch seriös, auf plausiblen Ausgangsdaten aufgebaut, aber eben trotzdem von Unsicherheiten behaftet.

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Die vorliegenden Ergebnisse können also Zusammenhänge und Zeithorizonte abstecken, aber keine Gewissheit geben.

„Lange Abwehrschlacht“

Am Biozentrum der Universität Basel (Schweiz) beschäftigt sich aktuell der deutsche Biophysiker Richard Neher mit der Erforschung der näheren Zukunft in der weltweiten Corona-Pandemie. Grundsätzlich sagt er zum weitern Verlauf, es werde eine „lange Abwehrschlacht“. Sein Prognosemodell für viele Staaten der Erde beruht auf einer Verknüpfung von gesundheitspolitischen Ausgangsdaten mit bisherigen Erfahrungen bezüglich Übertragung und Krankheitsverlauf sowie auf unterschiedlichen Intensitäten der politisch verordneten Einschränkungen des Alltagslebens.

Dem VOLKSBLATT liegen die von Neher und seinem Team kalkulierten Zukunftsverläufe vor — und bieten zunächst ein kurioses Bild: je strikter in einem Land zu Beginn die Einschränkungen des Alltagslebens, umso länger wird das Virus grassieren und umso länger wird es zu Beschränkungen kommen. Die Auflösung liegt darin, dass damit aber Menschenleben gerettet werden, indem Überlastungen des Spitalssystems und daraus resultierende Todesfälle verhindert werden.

Ende Mai oder Ende Juni

Für Österreich terminisiert das Rechenmodell der Universität Basel den Höhepunkt der Epidemie (je nach Strenge und Einhaltung der verhängten Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen) realistischerweise auf Ende Mai bis Ende Juni. Nur ein Szenario reicht — unter der Annahme, eine Überlastung der Spitäler könne durch besonders strenge Auflagen durchgängig verhindert werden — noch weiter in die Zukunft. Dann wäre der Höhepunkt der Epidemie in Österreich erst Ende Februar 2021 erreicht. Im Gegenzug ist mit der Verschiebung des Höhepunktes aber eine starke Eindämmung der Todesfälle verbunden. Richard Neher und sein Team gehen zum Beispiel davon aus, dass im Szenario „Moderate Einschränkungen“ des Alltagslebens die Zahl der Todesopfer in Österreich nur halb so hoch ist wie im Szenario „Schwache Einschränkungen.“

„Hammer“ und „Tanz“

Mittlerweile werden in Forscherkreisen für den absehbaren weiteren Verlauf der Corona-Pandemie die Begriffe „Hammer“ und „Tanz“ geprägt: Erst für einige Wochen hammerharte Einschnitte im Alltagsleben, um die Ausbreitung einzudämmen und danach flexible Neuausrichtung der Gegenoffensiven an schwankenden zahlenmäßigen oder regionalen Herausforderungen — bis diese Phase des strategischen „Tanzes“ dann letztlich in die Phase eines verfügbaren Impfstoffes gegen das Coronavirus mündet. Seitens der EU erhofft man die Verfügbarkeit ab Herbst 2020.

„Noch viele Monate“

Auch der Autor einer neuen britischen Prognose-Studie, Professor Neil Ferguson vom Imperial College London, geht von „vielen Monaten“ aus, während derer in der Corona-Krise Kontaktbeschränkungen aufrecht bleiben werden. Ziel müsse nämlich sein, die Ausbreitung des Virus nicht nur einzubremsen, sondern „auf ein niedriges Niveau“ zu drücken. Nur so könne sich beispielsweise Großbritannien einen fatalen Kollaps des Spitalssystems ersparen und auf die Verfügbarkeit eines Impfstoffes hinarbeiten. Ferguson fügt seiner Bestandsaufnahme eine klare Warnung an die Menschen und Entscheidungsträger in ganz Europa hinzu:

Neue Gefahr im Winter

„Strikte Einschränkungen im Alltagsleben können Übertragung und Fallzahlen auf niedrige Werte bringen. Aber: Sobald die Beschränkungen abgemildert werden, ist zu erwarten, dass die Fallzahlen wieder steigen.“ Dann wäre zwar im Vorfeld einer Winter-Epidemie ein niedriger Ausgangswert erreicht, die Gefahr aber längst nicht gebannt. „Außer die Eingriffe in das Alltagsleben der Menschen können weiter aufrechterhalten werden.“

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