Coronavirus: Gewalttätige Proteste gegen Ausgangssperre in Chiles Hauptstadt

Vor dem Hintergrund der Corona-Ausgangssperre ist es in der Nacht auf Dienstag in ärmeren Stadtvierteln der Hauptstadt Santiago de Chile zu Protesten und Plünderungen gekommen. „Wir haben Hunger“ oder „Wir müssen arbeiten, wir brauchen Unterstützung“ waren einige der Protestrufe, die in den ärmsten Vierteln von Santiago zu hören waren.

In der chilenischen Hauptstadt gilt seit Freitag eine strikte Ausgangssperre, um die rasante Verbreitung des neuartigen Coronavirus einzudämmen.

Die erste Demonstration begann in der Gemeinde El Bosque im Süden der Hauptstadt, wo eine Gruppe von bis zu 50 Menschen mit Stöcken und Steinen sich am Montag Auseinandersetzungen mit der Polizei lieferte. Später kamen mehr Menschen dazu und auch in drei weiteren Stadtvierteln kam es zu Zusammenstößen. In der Nacht wurde dann ein Gasverteilerzentrum geplündert. Im Zentrum zündeten Demonstranten einen Bus an. Auch in Mittelklasse- und Arbeitervierteln, wo viel ihre Arbeit verloren haben, waren lautstarke Proteste zu hören.

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„Der Hunger ist schon seit einigen Wochen sichtbar“

„Wir sind schon seit vielen Wochen in Quarantäne, schon bevor der Präsident dies angeordnet hat, weil wir wissen, dass es nicht genug Betten in unseren Krankenhäusern im Süden von Santiago gibt“, sagte die Bürgermeisterin von La Pintana, Claudia Pizarro, dem Sender Cooperativa. „Der Hunger ist schon seit einigen Wochen sichtbar. Jeden Tag organisieren die Leute mehr Suppenküchen.“

Dem konservativen Präsidenten Sebastian Pinera warf sie vor, trotz „spektakulärer Ankündigungen“ in dem Moment nicht präsent zu sein, in dem er gebraucht würde. Der Staatschef hatte die Verteilung von Lebensmitteln an die Ärmsten am Sonntag angekündigt, ohne aber einen Zeitpunkt oder einen Ort zu nennen. „Den Leuten ist es schon egal, ob Hunger oder Coronavirus“, sagte Pizarro und erinnerte daran, dass in La Pintana mehr als 40 Prozent der Bevölkerung infiziert sei. „Hier werden viele sterben; hoffentlich täusche ich mich.“ Pinera hatte im April einen Familiengutschein in Höhe von umgerechnet 317 Dollar für die ärmsten 4,5 Millionen Chilenen angekündigt. Bisher wurden diese noch nicht verteilt. Verteilt wird aber ein anderer Gutschein über 60 Dollar für rund 60 Prozent der ärmsten Familien.

In Chile mit seinen fast 18 Millionen Einwohnern gelten 11,7 Prozent der Bevölkerung als arm. Bisher wurden nach offiziellen Angaben 46.000 Corona-Infektionsfälle gezählt, 478 Infizierte starben.

In dem südamerikanischen Land war Mitte der vergangenen Woche die Zahl der verzeichneten Neuinfektionen sprunghaft um 60 Prozent gestiegen. Für die sieben Millionen Einwohner von Santiago wurde daraufhin eine rigorose Ausgangssperre verhängt.

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