Coronavirus: Italien diskutiert über den Begriff „Angehörige“

Im Familienland Italien wird zurzeit über den Begriff „Angehörige“ gerätselt. Laut einer Regierungsverordnung dürfen die Italiener mit Beginn der „Phase 2“ ab nächstem Montag aus der Heimisolierung, um Angehörige zu besuchen, wenn diese in derselben Region wohnen. Doch über die Definition ist eine lebhafte Diskussion entbrannt.

Bis zu welchen Grad der Verwandtschaft kann man Angehörige besuchen? Gehören Lebensgefährten, Partner, Verlobte, mit denen man nicht zusammenlebt, zur Liste der einem Nahestehenden, die man treffen darf?


Muss man auf der Selbstbescheinigung, die man ausfüllen muss, wenn man außer Haus geht, die Namen der Verwandten angeben, mit denen man sich trifft? Viele offene Fragen quälen die Italiener vor Beginn der ersehnten „Phase 2“ mit einer ersten, minimalen Lockerung der strengen Quarantäne.

Das Bedürfnis nach Klarheit ist so stark, dass die Regierung in einem Statement richtigstellen musste, dass mit Angehörigen „alle stabilen Beziehungen“ gemeint seien. Dazu gehörten jedoch nicht die Freunde. „Es heißt nicht, dass man ab Montag Freunde besuchen und Partys feiern kann“, mahnte Premier Giuseppe Conte, der sich weiterhin um eine Eindämmung der Covid-19-Epidemie im Land bemüht.

Wer genau die Stabilität der Beziehungen überprüfen wird, ist unklar. Auf der Selbstbescheinigung sei man jedenfalls nicht verpflichtet, den Namen der Angehörigen, die man besuchen will, anzugeben, erklärte die Regierung.

Kritik vom Homosexuellenverband

Der Homosexuellenverband Arcigay bezeichnete den Regierungsbeschluss, lediglich Besuche bei Angehörigen zuzulassen, als „diskriminierend“. Der Begriff „Angehörige“ beziehe sich auf offizielle Formen der Verwandtschaft und ignoriere die Bedeutung von Beziehungen ohne biologische Bündnisse, die jedoch auch bedeutend seien. Die Regierung habe ein „mittelalterliches Konzept“ von Verwandtschaft und schließe viele neue Formen von Beziehungen aus, wie zum Beispiel die Regenbogenfamilien, protestierte der Schwulenverband.

Italien hebt ab dem 4. Mai eine Reihe von Beschränkungen auf, allerdings weniger, als sich die Italiener erhofft hatten. So erlaubt die Regierung etwa wieder mehr Sport im Freien und mehr Bewegungsmöglichkeiten in der eigenen Region. Auch die Wirtschaft soll in mehreren Etappen starten. Italiens Schulen bleiben aber bis zu den Sommerferien geschlossen, sie öffnen die Tore erst wieder im September. Italien registrierte seit Februar bisher mehr als 27.000 Corona-Tote.

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