Countdown der letzten Tage: Ohlsdorf 1945

Jägerstätter-Biografin Erna Putz erzählt aus den Erinnerungen ihrer Familie an das Kriegsende

Vom Dachboden in Ohlsdorf aus sah Erna Putz' Mutter Bomben wie kleine Striche auf Attnang herunterfallen, die dort großen Schaden anrichteten.
Vom Dachboden in Ohlsdorf aus sah Erna Putz' Mutter Bomben wie kleine Striche auf Attnang herunterfallen, die dort großen Schaden anrichteten. © Oö. Landesarchiv

In Oberösterreich war die Situation für die Menschen Anfang Mai 1945 unterschiedlich. Die Front kam am Rande zu stehen und löste sich dort auf. Die US–Amerikaner wurden im Gegensatz zu den sowjetischen Soldaten mehrheitlich als Befreier erlebt.

Nach Ohlsdorf kamen die US-Panzer aus Aurachkirchen, die Menschen waren vor ihren Häusern; mein 15-jähriger Onkel Karl zeigte ihnen den Weg nach Steyrermühl. Da er lange ausblieb, machte sich die Familie Sorgen, er kehrte stolz mit einer Karbid–Lampe als Belohnung zurück. Kriegsende, Befreiung, Umbruch waren in meiner Familie immer wieder Thema.

Höfe nehmen Familien auf

Meine Mutter sprach immer wieder von der Bombardierung von Attnang noch am 21. April 1945. Vom Dachboden im zehn Kilometer entfernten Ohlsdorf aus sah sie die Bomben wie kleine Striche herunterfallen. Die Überlebenden waren zum Teil lebenslang traumatisiert.

Für die Familien waren es bewegte Zeiten, zum einen war da die große Sorge um die Soldaten an der Front oder in Kriegsgefangenschaft. Die Höfe und Häuser waren übervoll mit Menschen. Zu den Ausgebombten aus den Städten kamen die Flüchtlinge aus Rumänien und Jugoslawien. Im Frühjahr 1945 hatte in Ohlsdorf in jedem Bauernhaus zusätzlich eine Familie in die Wohnstube aufgenommen werden müssen. Im Elternhaus meines Vaters war neben einer großen heimischen Familie in der Auszugwohnung eine Großfamilie aus Wien und mehrere Generationen einer ebensolchen aus dem Banat. Jahre später wanderte ein Teil dieser Familie Paulitsch nach Kanada aus; es wurde bei uns erwähnt, dass sie nur mit perfekt sanierten Zähnen akzeptiert wurden.

Die Unterbringung bei Bauern gewährleistete auch die Verpflegung, die Mühlen funktionierten und es gab Brot und Kartoffeln. Die Bäuerinnen haben da viel geleistet. Anfang Mai strandeten in der Ortschaft Oberthalham viele Pferde. In jedem Haus wurde eines geschlachtet.

In der Familie meiner Mutter waren neben einer „ausgebombten“ Familie mit zwei Kleinkindern zwei Herren aus Wien, Dr. Zöberl und Dr. Withalm. Alle haben auf dem Feld mitgearbeitet, es gab einiges Hallo mit den drei jugendlichen Töchtern des Hauses. Und die Großmutter war eine sehr gute Köchin.

Waghalsige Unternehmung

Mein Vater setzte sich mit drei weiteren Österreichern in der Nacht vor dem 1. Mai von Truchtlaching an der bayerischen Grenze über die Salzachbrücke in Oberndorf nach Hause ab. Die vier Soldaten hätten den Stab ihrer Einheit in die „Alpenfestung“ bringen sollen. Das waghalsige Unternehmen gelang, um vier Uhr früh waren sie in Ohlsdorf, der Lastwagen verschwand in der Scheune und die jungen Männer für eine Woche im Kartoffelkeller. Den Lastwagen bekam später der im KZ Mauthausen inhaftiert gewesene Ohlsdorfer Franz Huber, der mit diesem ein kleines Fuhrwerksunternehmen betrieb.

Mein Vater erzählte uns später, dass er fast größere Angst gehabt als an der Front, als er in den Tagen bis zum 8. Mai nachts über Feldraine zu seiner Verlobten schlich.

Als sich Dr. Hermann Withalm im Herbst nach Wien verabschiedete, hatte er vor, in den Staatsdienst zu gehen. Meine Mutter fragte frech: „Spitzen Sie auf einen Ministerposten?“ Hermann Withalm war von 1968 bis 1970 Vizekanzler. Die Mädels schrieben den Akademikern „Arbeitszeugnisse“, Withalm wurde als Mohnbaufachmann empfohlen; er hatte, aus eine Mohngegend kommend, diesen ansäen wollen, dies tat er viel viel zu dicht mit dem entsprechenden Ergebnis.

Er und alle in den beiden Familien Aufgenommenen blieben diesen verbunden. Die vertriebenen Volksdeutschen standen vor dem Nichts. Rasch haben sie sich Existenzen und Häuser aufgebaut. Ihre Nachkommen tragen und gestalten unser Land und die Kirchen mit.

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