„Da ist schon eine Brise Leni Riefenstahl drin“

Eine Legende: „Helmut Newton. The Bad and the Beautiful“

Ein spätes Werk Newtons: Arena, New York Times
Ein spätes Werk Newtons: Arena, New York Times © Helmut Newton Estate

Gero von Boehm hat wohl hunderte Interviews in seiner Karriere geführt und Porträts entstehen lassen.

Einen Dokumentarfilm hat er nun der Fotografielegende Helmut Newton gewidmet. Ab sofort im Kino.

VOLKSBLATT: Wie ist es denn für Sie auf der anderen Seite des Interviews?

GERO VON BOEHM: Ich kann nur sagen, es fällt mir sehr schwer. Eigentlich hasse ich es, selber gefragt zu werden, weil es sehr ungewohnt ist. Man ertappt sich dabei, zu denken, wie würdest es du jetzt machen, welche Frage hättest du jetzt gestellt. Aber das will man ja gar nicht, man will ja völlig locker sein und das versuche ich jetzt mit Ihnen.

Sehr gut. Sie haben so viele Menschen in Ihrer Karriere interviewt. Wo reihen Sie da Helmut Newton ein?

Faszinierend fand ich, dass er ein großer Gentleman war. Und gleichzeitig ein Anarchist, der immer wieder Grenzen überschritten hat, Dinge gesprengt hat, das Gegenteil von political correct war, ein Hedonist. Andererseits aber auch irrsinnig sparsam. Der hatte so viele Facetten, wie ich sie bei kaum einem anderen Menschen gekannt habe. Und was mich fasziniert hat, tatsächlich auch seine unglaublich positive Sicht aufs Leben. Er hat nie zurückgeblickt im Zorn. Eine große Geste fand ich, dass er immer wieder nach Berlin kam, aus dem er 1938 als Jude vertrieben wurde. Dass er sogar in Berlin begraben werden wollte. All diese Dinge fügen sich zusammen zum sehr, sehr bunten Bild einer tollen Persönlichkeit. Der wollte ich zum 100. Geburtstag noch einmal nachgehen.

Ihre erste Zusammenarbeit war 2002. Wie ist es denn dazu gekommen?

Damals hatten wir uns zufällig bei einem Abendessen in Paris bei gemeinsamen Freunden kennengelernt. Wir haben uns so gut verstanden, dass ich ihn in Monte Carlo besucht habe, wir uns dort ins Café gesetzt und Menschen beobachtet haben. Er war ja ein großer Voyeur, aber im Sinne von beobachten und nicht nur Schlüsselloch. Er liebte es übrigens auch nicht, interviewt zu werden. Er war viel lieber hinter der Kamera und stellte selber Fragen.

Sie haben sich dazu entschieden, in Ihrem Film Frauen über Helmut Newton sprechen zu lassen. Warum?

Er hat ja hauptsächlich mit Frauen gearbeitet. Die haben ihn interessiert. Wieso sollten dann in einem Film dauernd Männer zu Wort kommen? Es gibt natürlich kluge Galeristen, Sammler, Kuratoren, Assistenten, die sicher tolle Anekdoten drauf haben. Aber das sind dann so typische Männeranekdoten. Ich habe mich immer geärgert, dass man so wenig von Frauen hörte über Helmut Newton und die Arbeit mit ihm. Ich habe mir gesagt, jetzt nehmen wir mal zehn Frauen, die mit Newton gearbeitet haben und ihn gut kannten. Dann bin ich auf die Palette von tollen Frauen gekommen, von Charlotte Rampling bis Grace Jones und Anna Wintour. Das wurde zum Prinzip des Films: Carte blanche für Frauen.

Wie haben Sie ausgewählt?

Ich habe die Auswahl eigentlich getroffen nach Fotos, die mich interessiert haben. Nehmen wir das von Charlotte Rampling, nackt, von halb hinten an einem Schreibtisch sitzend in einem Hotel. Das ist so eine absolute Ikone von Helmut Newton. Ich habe mich gefragt, wie sieht Charlotte Rampling das heute, erinnert sie sich noch an all das? Und dann kam tatsächlich raus, das war ihr erstes Nacktfoto, Helmut Newtons erstes Nacktfoto, beide waren ein bisschen aufgeregt und wollten das schnell hinter sich bringen. Charlotte Rampling sagt heute als ältere Dame: „Ich war damals 28 und dieses Foto und der Helmut haben mir eine solche innere Kraft gegeben, dass meine ganze Karriere anders verlaufen wäre, hätte es dieses Foto nicht gegeben.“ Das fand ich sehr spannend. Genauso Isabella Rossellini, die er öfters mit David Lynch zusammen fotografiert hat. Die sagte: „David Lynch hält meinen Kopf wie ein Künstler sein Objekt hält.“ Da steckt natürlich auch viel Newton drin. Und da kann man als Puppe auftreten in einem solchen Foto, oder man kann es eben lassen. Man konnte es ja ablehnen, von ihm fotografiert zu werden, zumal als Akt. Nadja Auermann zum Beispiel, die fühlte sich einfach nicht danach und hat es freundlich abgelehnt. Aber Newton hat dann mehrere Jahre nicht mit ihr gearbeitet. Auch solche Dinge haben wir in den Interviews.

Wie kann man denn das Frauenbild von Newton verstehen?

Er wollte uns zeigen, wie stark Frauen sein können. Ich glaube, dass es auch sehr viel Androgynes gibt in seinen Bildern. Viele Frauen wirken bei ihm männlich. Die „Big Nudes“, wie sie da so stehen und mit verschränkten Armen auf einen runtergucken, dann ist das eher eine männliche Pose. Andererseits auf unserem Filmplakat sitzt Helmut Newton mit einem Damenhut und High Heels. Also er wollte sagen: „Guckt mal, ich habe auch weibliche Anteile. Lasst uns das alles nicht so ernst nehmen und auch mal ein bisschen mischen.“ Ein sehr moderner Standpunkt.

Die meisten seiner Bilder muss man aus der Zeit heraus sehen, in der sie entstanden sind. Da hat es die sexuelle Revolution gegeben, der nackte Körper war kein Tabu mehr. Das zusammen mit einer absolut notwendigen Revolution in der Modefotografie. Bis dahin war alles niedlich und harmlos gewesen, da musste sich was ändern. Und da gab es diesen Helmut Newton, der diese provozierenden Sachen machte.

Welches Bild haben die Frauen in Ihrem Film von Helmut Newton gezeichnet?

Die sehen ihn durchaus als Freund, mit dem sie gearbeitet haben. Aber auch als Gentleman, bei dem sie sich sicher fühlten und stark. Und das ist eigentlich unisono: dieses Vertrauen, das sie in ihn hatten, er hole das Beste aus ihnen heraus. Und seinen Humor haben sie alle geschätzt.

Der ist ja auch von großer Bedeutung in seinen Werken.

Ja natürlich und dann, dass er uns immer Geschichten erzählen will. Aber es ist immer nur der Anfang oder das Ende, was zwischendrin passiert, das können wir uns selber ausdenken. Natürlich kann das alle möglichen Fantasien in Gang setzen.

Wie ist er denn mit den Skandalen umgegangen, die seine Karriere begleitet haben?

Er fand sie wunderbar. Je mehr Skandale, desto besser. Er zitierte immer Kaiser Wilhelm: „Viel Feind’, viel Ehr’!“ Er freute sich über jeden — wir würden heute sagen — Shitstorm. Und es gab natürlich viele, vor allem bei der amerikanischen Vogue. Beispielsweise die Bilder von Nadja Auermann im Rollstuhl, mit der Maschine am Bein, am hinken. Was wollte er uns damit sagen? Frauen in High Heels, die können sich eigentlich nicht bewegen, die muss man tragen oder sie müssen mit Krücken gehen. Das ist alles, was er damit sagen wollte. Aber es wurde natürlich gleich gesagt: Jetzt macht er sich über Behinderte lustig! Das fand er wunderbar. „Was die anderen sagen, ist mir schnuppe“, hat er immer gesagt als alter Berliner.

Apropos Berlin: Ihm ist angekreidet worden, eine Nazi-Ästhetik zu verwenden.

Ja, das ist unglaublich, einem Juden das anzukreiden. Es ist doch klar, dass jemand, der mit 13 Jahren als Hitler an die Macht kommt, nichts im Kopf hat, als Mädchen und Bilder, dass der sofort von dieser Bilderwelt der Nazis, von diesen starken blonden Frauen, von den Körpern, die Leni Riefenstahl zeigt, beeinflusst wird. Das war auch ein sehr prägender Einfluss. Er hat bis zum Schluss angehalten, sie sehen selbst in ganz späten Bildern noch ein Spiel mit Schatten und Posen — da ist schon ein Brise Leni Riefenstahl drin. Die hat er einerseits verachtet und andererseits bewundert. Er hat gesagt: „She is a bloody genius“. Und die beiden haben sich am Ende des Lebens auch Briefe geschrieben und sich öfters mal getroffen. Erstaunlicherweise.

Mit GERO VON BOEHM sprach Mariella Moshammer

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