Das Elend der Bulimie

Rastlos, präzise: Barbara Riegers Roman „Friss oder stirb“

Barbara Rieger: Friss oder stirb. Kremayr & Scheriau, 224 Seiten, 22 Euro © Kremayr & Scheriau

„Immer zwei, manchmal drei Finger im Rachen, die Zunge fest nach unten gepresst. Das Rauschen der Klospülung, Erleichterung, Rauschen der Klospülung, Leere, die Schmerzen am Tag danach. Schmerzen bei jedem Biss und die Angst, dass sie nie mehr etwas bei sich behalten kann.“ Die Schmerzen beim Beißen, weil Magensäure auf Dauer die Zähne angreift.

Aus einem unglücklichen Körper gepresste Sätze

Mit 14 Jahren begannen bei Anna die Essstörungen. Die Auskünfte der Ärzte mehr technischer Natur, die Wörter Schilddrüse oder Autoimmunerkrankung fallen. Am Blick auf den Bauch manifestiert sich der Selbsthass. Anna nimmt zu, dann wieder Verzicht, der ihr das Gefühl von Kontrolle vermittelt. Als sie später in Wien studiert, pendelt sich das Muster ein. Bulimie. Fressen und kotzen.

Barbara Riegers Roman „Friss oder stirb“ setzt damit ein, dass die Protagonistin Anna 37 Jahre alt ist und ihre Sucht, ihre Krankheit einigermaßen im Griff hat. Aber man vergisst als Leser rasch die anfänglich gelöste Stimmung, denn Rieger zieht einen in einen Strudel, in dem präzise, dichte, wie aus einem unglücklichen Körper hervorgepresste Sätze existenzielle Not spiegeln. Jahrelanges Verschlingen und Auskotzen, Ratlosigkeit und Selbsthass und schwer fassbare Sehnsucht. Wonach?

An den Kapitelanfängen, nach Annas Lebensjahren geordnet, die Darstellung einer Tonbandkassette, beschriftet mit Annas Helden. Mit 14 Jahren Nirvanas „Nevermind“, die Pubertät, Eintauchen in Verliebtheit und Sex, Räusche und Rock’n’Roll. Aber noch eine andere Macht beherrscht Annas Leben. Zu ihrer Ergründung die Psychoschiene? Das greift zu kurz.

Annas Mutter eine unterkühlte Frau, die die Essstörung der Tochter kaum zur Kenntnis nehmen will. Aber Annas Elend der Mutter anhängen, während sich der Vater ganz einfach früh aus dem Staub gemacht hat?

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Rieger, 1982 in Graz geboren, gefiel sich in ihrem Erstling „Bis ans Ende, Marie“ (2018) noch zu sehr im Gestus jugendlicher Lässigkeit. „Friss oder stirb“ ist hingegen ein starkes Buch, das in seiner Intensität an Marlene Streeruwitz’ erfolgreichen Debüt- roman „Verführungen“ heranreicht. Taumelnde Suche einer modernen jungen Frau, Rastlosigkeit zwischen Einsamkeit und Nähe zu Menschen, kaum je ein Gleichgewicht zwischen diesen Polen.

Die Leere innen drinnen, um die Annas Leben jahrelang kreist, wird keiner billigen Erklärung zugeführt. Allenfalls dämmert Anna die Erkenntnis, dass sie ihr Leben akzeptieren sollte: „Da kommt kein anderer Körper mehr, kein Vater, keine andere Mutter, da kommt keine Erkenntnis mehr, die sie plötzlich heilen wird. Da kommt kein Punkt, an dem sie plötzlich eine andere ist.“

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