Das Ende des Prager Frühlings

Prague residents surround Soviet tanks in Prague on 21 August 1968 as the Soviet-led invasion by the Warsaw Pact armies crushed the so called Prague Spring reform in former Czechoslovakia. / AFP PHOTO / - © AFP PHOTO

1968 begehrte die Jugend auf, in Vietnam tobte der Krieg, und in der Tschechoslowakei walzten im August Panzer des Warschauer Pakts den Prager Frühling nieder. Dieses außenpolitische Ereignis erschütterte damals auch Österreich nachhaltig. Zentral für das Schicksal zahlreicher tschechoslowakischer Bürger war Rudolf Kirchschläger, der damalige österreichische Botschafter in Prag.

Text: Alexandra Demcisin und Edgar Schütz
Außenminister Kurt Waldheim (ÖVP) wies an, in der Botschaft in Prag keine Visa mehr für verfolgte CSSR-Bürger auszustellen – Kirchschläger ignorierte dies jedoch. Der spätere Bundespräsident (1974-1986) öffnete zigtausenden Tschechen und Slowaken damit die Tore Richtung Westen. Seine Gattin Herma sorgte zudem für die Flüchtlinge in der Prager Botschaft. Sie schaffte u. a. zwei große Kühltruhen an, um Nahrungsmittel und Essensvorräte für Flüchtlinge bereitzuhalten, und stellte einen Trinkwasservorrat bereit.
Die Brisanz der gewaltsamen Niederschlagung des Prager Frühlings hatte das offizielle Österreich aber wohl falsch eingeschätzt. Denn als die Panzer in der Nacht vom 20. auf den 21. August 1968 auf Prag und Pressburg zurollten, waren die Vertreter der österreichischen Staats- und Heeresspitze auf Urlaub und weitgehend telefonisch nicht erreichbar.
Dabei war Wien auf den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen vorbereitet gewesen. Bereits am 22. März 1968 hatte der Nachrichtendienst im Verteidigungsministerium der Regierungsspitze eine Information vorgelegt, in der „ein wesentliches Einwirken“ der UdSSR in der CSSR nicht ausgeschlossen wurde. Man informierte auch darüber, dass auf allen wichtigen Straßen in Polen Wegmarkierungen Richtung Süden in kyrillischer Schrift angebracht wurden.

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Österreich verhielt sich sehr zurückhaltend

Österreich verhielt sich damals, auch unter dem Eindruck der keine 13 Jahre zurückliegenden Sowjetbesatzung, sehr zurückhaltend. Dazu gehört nicht nur Waldheims erwähnte Anweisung. Bundeskanzler Josef Klaus (ÖVP) verurteilte den Einmarsch nicht. Er betonte via Rundfunk die Verpflichtung zur Neutralität und äußerte den Wunsch, die heimischen Truppen dürften sich der Grenze nur auf 30 Kilometer nähern. Dem sowjetischen Botschafter sagte Klaus, dass sich Österreich „nicht in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten einmischen“ wolle. Wegen der sowjetischen Überflüge oder der Landung eines Sowjethubschraubers im Weinviertel zeigte man sich zwar verärgert, der Protest war aber äußerst zahm. Es gab 49 Verletzungen des österreichischen Luftraums durch sowjetische Militärmaschinen. Moskau sprach von einem unbeabsichtigten Überfliegen der österreichischen Grenze „infolge technischen Versehens“.
Österreichische Politiker versuchten, über Hintergrundgespräche Einfluss auf die Berichterstattung zu nehmen, die Medien handelten allerdings nicht danach. „Österreich mit seinem Radio und Fernsehen und die Printmedien wurde zu einer Relaisstation für die Übermittlung von Nachrichten aus der CSSR“, erklärte Historiker Stefan Karner. „Männer wie Gerd Bacher, Alfons Dalma, Hugo Portisch, Hans Dichand, Fritz Csoklich oder Helmut Zilk dachten nicht einmal im Entferntesten daran, schönzufärben. Das haben die Sowjets immer wieder kritisiert, bis sie es schließlich einsehen mussten.“
In den Nachmittagsstunden des 20. Augusts hatten die Truppen des Warschauer Paktes den Befehl erhalten, „zur Verstärkung der Garnisonsbereiche nördlich der Donau“ auszurücken. Die Operation mit dem Decknamen „Donau“ wurde von Bulgarien, Ungarn, Polen und der Sowjetunion getragen. Zusammen schickten sie 100.000 Soldaten. 2.300 Panzer und 600 Flugzeuge überfielen die Tschechoslowakei in der ersten Phase. Die Zahl schwoll auf 750.000 Mann und 6.000 Panzer an. Die tschechoslowakische Armee leistete keinen Widerstand, als wichtige Einrichtungen, Radiostationen und Zeitungsredaktionen besetzt wurden. Einige Bürger stellten sich den Besatzern in den Weg. Manche kletterten auf Panzer, übermalten Straßenschilder, um den Soldaten die Orientierung zu erschweren, und errichteten Barrikaden. Unzählige Radiosender halfen dabei, den Widerstand zu organisieren. Bei Auseinandersetzungen zwischen Soldaten und der Bevölkerung kamen dennoch mehr als 100 Menschen ums Leben, Hunderte wurden schwer verletzt. Die politische Führung um Alexander Dubcek wurde gefangen genommen und später nach Moskau geflogen. Damit war den Bemühungen um eine Liberalisierung und Demokratisierung des Sozialismus im „Prager Frühling“ ein Ende gesetzt. Am 26. August unterzeichnete die CSSR das „Moskauer Protokoll“, das u. a. die Rücknahme der Reformen, Wiedereinführung der Zensur und Stationierung der sowjetischer Truppen in der CSSR festlegte.

210.000 Flüchtlinge aus der Tschechoslowakei

Österreich war aufgrund seiner geografischen Lage das Erstaufnahmeland der tschechoslowakischen Flüchtlinge. Von 21. August 1968 bis im Herbst 1969 kamen laut dem Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgenforschung rund 210.000 Personen in die Alpenrepublik. Ein großer Teil von ihnen wanderte direkt aus der Tschechoslowakei aus. Rund 50.000 tschechoslowakische Touristen befanden sich zur Zeit des Einmarsches der Warschauer-Pakt-Truppen auf Urlaub in Jugoslawien, Bulgarien und Rumänien. Sie konnten wegen einer Grenzsperre in Ungarn nicht heimreisen. Gleich nach dem 21. August wurden Zeltlager für zigtausende Menschen errichtet, u.a. auch in Freistadt. In Wien, das mit 90 Prozent der Übernachtungen die Hauptlast der Erstversorgung zu tragen hatte, wurden Notunterkünfte im Überschwemmungsgebiet der Donau, auf Campingplätzen, in Heimen von Hilfsorganisationen, Lagerhäusern oder auch Turnsälen aufgestellt. Teilweise waren die sanitären Verhältnisse in diesen Quartieren prekär. Zur Verhinderung von Versorgungsengpässen versuchte Wien, die tschechischen Flüchtlinge so schnell wie möglich zur Auswanderung zu bewegen. Mit Erfolg: Viele Staaten hatten Interesse an den Auswanderern, denn diese waren jung und gebildet. Zu den wichtigsten Aufnahmeländern gehörten Kanada, Australien, Südafrika, die USA und die Schweiz.

Alexander Dubcek, Leitfigur des Prager Frühlings.
ARCHIV – Prager BrŸger mit der tschechoslowakischen Flagge werfen brennende Fackeln auf einen sowjetischen Panzer (Archivfoto vom 21.08.1968). Im FrŸhling 1968 trŠumten Millionen Tschechen und Slowaken von einer demokratischen Zukunft. StaatssekretŠr Dubcek wollte einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ verwirklichen und leitete zahlreiche Reformen ein. Doch die Sowjetunion befŸrchtete den Ausbruch der Tschechoslowakei aus dem sozialistischen BŸndnis und damit ein Bršckeln des Ostblocks. In der Nacht zum 21. August 1968 besetzten Truppen des Warschauer Paktes strategisch wichtige Punkte – rund 100 Menschen starben. Der „Prager FrŸhling“ hatte ein blutiges Ende gefunden. Foto: Libor Hajsky (zu dpa-Serie „Das Jahr 1968“, Themenpaket „Prager FrŸhling“ vom 14.08.2008) +++(c) dpa – Bildfunk+++
A file photo dated 31 August 1968 of man standing amidst the damages caused by the confrontations between demonstrators and the Warsaw Pact troops and tanks in Prague. Warsaw Pact troops and tanks entered Prague 21 August 1968 to crush the newfound freedom and re-establish a totalitarian regime.
Une photo d’archives datée d’août 1968 d’un homme debout parmi les dégâts dus aux affrontements entre manifestants et des forces du Pacte de Varsovie à Prague. Les forces du Pactes de Varsovie en Tchécoslovaquie sont intervenues dans la nuit du 20 au 21 août 1968 pour étouffer le réveil réformiste communiste du „Printemps de Prague“. / AFP PHOTO / SCANPIX SWEDEN / STF
Prague residents surround Soviet tanks in Prague on 21 August 1968 as the Soviet-led invasion by the Warsaw Pact armies crushed the so called Prague Spring reform in former Czechoslovakia. / AFP PHOTO / –
File photo taken in August 1968 in Prague during confrontations between demonstrators and the Warsaw Pact troops and tanks, who invaded Czechoslovakia to crush the so called Prague Spring reform and re-establish a totalitarian regime.
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Half vielen CSSR-Flüchtlingen: der spätere österreichische Bundespräsident Rudolf Kirchschläger (+2000). APA-Foto: Roland Schlager